Samstag, drei Uhr nachmittags

Es war still, nicht einmal Vögel waren zu hören. Von ferne wehte ein leichter Wind das Rauschen der Autobahn zu uns herüber. Herr Müller stand vor der Garage und schien auf etwas horchen. „Hörst du das?“, flüsterte er. Er wies in einer weit ausholenden Geste vom Boden zum Himmel. „Man hört nichts. Über. Haupt. Nichts.“ Er lächelte in sich hinein. Dann nickte er entschlossen. „Noch nichts,“ sagte er mit Betonung.

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Lesebuchgefühle

Die Schule hatte für mich bis zur Oberstufe nur wenig Zauber. Doch einmal im Jahr weckte sie meine Neugier, denn das frische Lesebuch des jeweiligen Schuljahres wurde verteilt. Ich konnte es kaum bis Schulschluss erwarten. Zu Hause angekommen, fläzte ich mich in einen Sessel und blätterte es von vorne bis hinten durch.

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Zwei Lebensläufe

August Wilhelm H. wird am 16. September 1893 in Letmathe geboren. Er fällt schon als Kind durch technisches Interesse auf und besucht das Realgymnasium in Iserlohn. Nach dem Abitur studiert er Physik an der Universität Gießen. Das Studium lässt ihm genügend Zeit, eigenen Ideen nachzugehen, deren ungewöhnlichste direkt im ersten Semester entsteht, als er, während einer praktischen Übung, mit verschiedenen Geräten beladen, zwischen zwei Laborsälen pendelnd, dauernd Kommilitonen bitten muss, ihm die Türe zu öffnen. Nach längerem Nachdenken beschließt er, eine Schiebetüre zu konstruieren, die von einem Federzug betätigt wird. Der Auslösemechanismus ist beiderseits der Türe im Boden verborgen, so dass sie öffnet, wer darauf tritt. Anfang 1914 meldet er diese Konstruktion beim Kaiserlichen Patentamt in Berlin an. H. stirbt am 12. Mai 1914 an einer Streptokokkeninfektion, der Folge einer schweren Knieverletzung nach einem Sturz während der Besichtigung der Dechsteinhöhle in Iserlohn.

„Ich bin fünf Jahre in Stellung gewesen.“  Martha K. spricht diesen Satz bis ins hohe Alter hinein mit ehrfurchtsvollem Tonfall aus. Im Jahre 1900 in Letmathe geboren, geht sie als jüngste Tochter eines Kurzwarenhändlers nur sieben Jahre in die Volksschule. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs arbeitet sie in einer Munitionsfabrik. 1918 erhält sie durch Vermittlung eines Familienfreundes eine Arbeitsstelle im Burscheider Haushalt eines leitenden Angestellten der Bayerwerke Leverkusen. In den zwei Jahren als Dienstmädchen und später als Köchin lernt sie das Bewirten anspruchsvoller Gäste. Die Strahlkraft der bürgerlichen Lebensweise beeinflusst sie und lässt sie immer mit Stolz von dieser Zeit erzählen. Kurz vor Ihrem Tod im Jahre 1994 zeigt sie ihrem Enkel ein Foto, das sie jung und schüchtern lächelnd in Dienstmädchenkluft zeigt. „Fünf Jahre bin ich in Stellung gewesen.“

An jedem Lebenslauf eines vor 1945 geborenen Menschen läßt sich das 20. Jahrhundert nachzeichnen. Auch bei dem jung gestorbenen August Wilhelm H. wissen wir sofort, welche Fragen offen sind.

Ein 1400 Jahre altes Buch

Mitte des 6. Jahrhunderts war das Imperium Romanum längst abgelöst durch die germanischen Nachfolgereiche im Westen und das byzantinische Reich im Osten. Der Versuch des byzantinischen Kaisers Justinian, das Imperium wieder zu alter Größe zu führen, war spätestens 568 unter seinem Nachfolger Justin II. gescheitert. Um die Wende zum 7. Jahrhundert führte dessen Nachfolger Flavius Mauricius einen harten Abwehrkampf gegen das persische Großreich der Sassaniden.

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Widerspenstige Wirklichkeit: Alexander Kluge wird 75

Das Buch hatte genau das richtige Format, ungefähr 15 mal 24 Zentimeter. Durch den schwarzen Einband mit einem Überzug aus Papier in Leinenstruktur und die goldene Titelprägung wirkte es wie eine Bibel. Dies und die knapp 1300 Seiten in dunkelgelbem Dünndruckpapier gaben dem Buch einen ernsten, beinahe sakralen Charakter – oder einen ironischen. Dieses rätselhafte Buch mit den beiden scheinbar unvereinbaren Worten im Titel hatte den 18jährigen angesprochen.

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Gott ist nicht tot, er ist nur sehr weit weg

Es ist kaum möglich, die drei Romane „Valis“ (1981), „The Divine Invasion “ (1981) und „The Transmigration of Timothy Archer“ (1982) von Philip K. Dick auf einen Nenner zu bringen. Die kürzeste Erläuterung geht wohl ungefähr so: Ausgangspunkt der Handlung ist das Theodizee-Problem. Dicks Lösung lautet, dass Gott von einem feindlichen Dämon auf einem fernen Planeten gefangen gehalten wird. Die Romane schildern den Versuch einiger Menschen, an dieser Tatsache nicht irre zu werden.

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Meine Abende mit Herodot. Ryszard Kapuscinski nachgerufen

Herodot? Der Vater der Geschichtsschreibung!

Das könnte eine Sentenz aus dem Wörterbuch der Gemeinplätze sein, doch es spiegelt genau den Stand meiner Kenntnis bis Ende 2005 wieder. Im Hinterkopf, dem Silo für geistig Halbverdautes, waberten die Vorstellungen „schwierig zu lesen“ und „stilistisch irgendwo zwischen dem Gilgamesch-Epos und der Ilias anzusiedeln“ umeinander. Doch dann …

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Notizen zu Kultur und Geist

Denkschriften. de gehört mir schon länger, aber bisher fehlte mir der Elan, aus der Domain mehr zu machen als eine Umleitung auf meine berufliche Homepage (die hier nicht interessiert).

Doch in den ruhigen Tagen zwischen Weihnachten 2006 und Neujahr 2007 habe ich in mir das dringende Bedürfnis gespürt, folgendes zu tun:

  • ausschließlich über Themen zu schreiben, die mich interessieren
  • ausschließlich in einem Stil zu schreiben, der mich anspricht

Kurz und gut, Denkschriften.de ist ein Antidepressivum, dessen Wirkung Sie lesen können. Als Einmanntextfabrik habe ich ein schlappes Vierteljahrhundert Erfahrung im Schreiben für andere. Hier schreibe ich nur für mich.

Wer meine Notizen zu Kultur und Geist interessant findet, ist herzlich zu regelmäßigen Besuchen eingeladen. Alle anderen mögen sich ein eigenes Reservat suchen; im Netz gibt es für jeden etwas.