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Tag Archives: Literatur

Gegen die Nacht

“Na?” Ich erkenne Myriams leicht kehlige, ins Dunkle gehende Stimme sofort, auch um diese Zeit. In San Francisco ist es halb acht Uhr abends und ihre Schicht in der Cafeteria endet gerade. Dort gibt es nur ein Münztelefon, deshalb ruft sie mich kurz an und ich rufe zurück — eine Stunde Reden für 60 Mark.

Geburt einer Lichtgestalt

Den preisgekrönten Text über die endgültige Verkürbissung des Hl. Daniel gibt es beim Titel-Magazin. Aber auch die anderen Siegertexte (hier und hier) sind äußerst empfehlenswert.

Scheinzwerge

Viele — vor allem frühe — Bücher von Arno Schmidt sind Scheinzwerge. Aus der Entfernung wirken sie wie schmale Erzählungen. Doch je näher man ihnen kommt, desto größer werden sie. Sie sind Erzählkondensate, wie Arno Schmidt selbst sagte. Dies macht ihre Kunstfertigkeit aus, aber auch ihre Unergründlichkeit. Letztlich sind auch die gigantomanischen Typokripte wie “Zettels [...]

Antworten, die wir noch nicht erfragt haben

Die meisten Journalistenmänner — ob nun gedruckter oder versendeter Medien — sehen sich selbst als abgebrühte Typen mit einem leichten Einschlag ins Zynische und wähnen sich im Besitz von Eiern aus Stahl. Doch es ist recht einfach, eine Meute dieser Kerle in einen Haufen aufgescheuchter, hysterisch gackernder Hühner zu verwandeln. Das hat Christian Kracht im [...]

Flugzeuge über dem Haus

Der Hügel steigt bis in die Gartenecke an. Im halben Oval gepflanzte Nordmanntannen bilden eine Grenze zum Nachbarn. Dort liege ich auf dem Rücken und betrachte die Kondensstreifen der Flugzeuge. Jahre später sind wir zu zweit dort. Wir wenden uns einander zu, auf der Seite liegend, mit aufgestütztem Kopf. Der gelbe Sonnenschirm in meinem Blickfeld [...]

Alien

Ein alter Krieger zittert nicht.
(Ernst Jünger, Siebzig verweht V, 15.12.1995)
In einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick ersetzen Außerirdische nach und nach die echten Menschen. Die langsame Diffusion der Aliens in die menschliche Gesellschaft dauert Jahrhunderte. Doch allmählich verändert sich die Menschenwelt, sie wird immer außerirdischer, immer kriegerischer.

Angemessener Realismus

Es gibt diesen sozialen Realismus, der unendlich bemüht wirkt; ein bisschen wie die frühe Lindenstraße oder ein gesellschaftskritisch angehauchter Tatort oder wie der Soziokrimi der 1970er Jahre, in dem der Plot im Schleim der Anbiederung untergeht. Gut gemeint, aber nicht gut gemacht.

Kurzer Halt auf dem Heimweg

Horst Mebus arbeitet in der Schuhfabrik von Neuenhaus. Nach Feierabend ruht er erst eine Stunde, dann widmet er sich seinen beiden Rottweilern. Er zieht Wanderkleidung und feste Schuhe an, greift noch kurz in den Speiseschrank und nimmt die paar Würste, die seine Frau für Hund und Herrn dahin gelegt hat. Er pfeift nach den Tieren [...]

Horrorshow

Der 15jährige Alex hat sich längst vom spießig-ängstlichen Leben seiner Eltern abgekoppelt. Er robottet nicht, sondern sluscht zur Anregung stundenlang horrorshow Musik von Beethoven, Bach und Händel. Abends räkelt er sich mit seinen Droogs in einer Bar. Dort quoritschen sie ein wenig im Nadsat-Slang und starten Aktionen, die nach ihrem Geschmack sind: Ein wenig Ultrabrutale, [...]

Allein in deiner Wüste

Ein kleiner Abhang öffnet sich vor mir. Hier finde ich den ruhigen Ort. Eine Lichtung aus frisch gemähtem Gras, niedriges Buschwerk darum, ein paar Bäume. Ich lege mich, döse bald ein. Langsam verschwindet das Geschnatter und Getrommel, das Kreischen und Rufen aus meinen Kopf. Der Wind streicht über mein Gesicht, ein sachtes Brausen schwillt auf [...]