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Tag Archives: Kurzgeschichte

Herrnhuter Sterne

Advent, Ende der 1960er Jahre. Ein winterlicher Abend, die Musiktruhe spielt “Die Nacht ist vorgedrungen” von Jochen Klepper. Ein kleiner, quadratischer Tisch in der Zimmerecke. Darauf der Weihnachtsbaum mit seinen roten Kugeln.
Den großen Ausziehtisch schmückt ein Adventskranz mit dicken weißen Kerzen. An der Decke ein vielzackiger Papierstern, dessen Inneres in einem warmen Glühen leuchtet. “Beglänzt [...]

Flugzeuge über dem Haus

Der Hügel steigt bis in die Gartenecke an. Im halben Oval gepflanzte Nordmanntannen bilden eine Grenze zum Nachbarn. Dort liege ich auf dem Rücken und betrachte die Kondensstreifen der Flugzeuge. Jahre später sind wir zu zweit dort. Wir wenden uns einander zu, auf der Seite liegend, mit aufgestütztem Kopf. Der gelbe Sonnenschirm in meinem Blickfeld [...]

Herr Habermann

Herr Habermann kam einmal im Quartal. Ein Vertreter für Bürsten und andere Kurzwaren, wie mir Großmutter jedes Mal erklärte. Herr Habermann kam zu Fuß. Zwar hatten viele Leute kein Auto, aber trotzdem war ein Vertreter zu Fuß etwas Ungewöhnliches. Er trug seinen großen Musterkoffer an einem Lederband auf dem Rücken. Herr Habermann sah damit immer [...]

Im freien Fall

Erinnerungen beginnen meist auf der Wende vom zweiten zum dritten Lebensjahr. Sind sie zunächst nur einzelne Schlaglichter, so verdichten sich die von jähen Schnitten unterbrochenen Kurzfilme über die Zeit zu einem kontinuierlichen Strom aus Bildern und Klängen. Die frühen Erinnerungen sind fragmentarisch und anekdotisch; oft ist es kaum möglich, zwischen nachträglich durch Erzählungen eingefügten Geschichten [...]

Bildbeschreibung

Der sepiabraune Hintergrund lässt nur wenige Details erkennen. Es könnte eine Ziegelmauer sein oder eine Holzwand oder ein aufgespanntes Tuch, oder es könnte ein Felsen sein. Er lächelt. Die Schutzbrille ist über die Stirn geschoben, und die linke Hand verharrt noch in der Bewegung, neben dem Kopf, mit halb geöffneten Fingern. Die Haare sind bedeckt [...]

Drei Träume

Begegnung beim Einkauf
Ein paar Stunden bin ich durch die Stadt gewandert. Mein Weg hat mich weit in den Süden geführt, zu einigen kleineren, versteckt gelegenen Antiquariaten. Am späten Nachmittag gehe ich langsam die breite Hauptstraße entlang, die in einer sanften Steigung in die Innenstadt führt. An einer Eisdiele bleibe ich stehen. Sie liegt ein paar [...]

Der staunende Blick

Dienstags bin ich oft im Elektra. Dieses Mal lässt mich Jakob lange warten. Ich rede mit H. und D. Zwischendurch schaue ich immer, ob er kommt und die Bestellung aufnimmt. Jedes Mal registriere ich die Frau vom Nebentisch. Beim ersten Mal hört sie mit lauschendem Gesicht ihrem Nachbarn zu. Beim zweiten Mal lächelt sie still [...]

Still fahren wir nach Haus

Nachmittags bemerke ich immer wieder Mädchen, die aussehen wie die, mit denen ich zur Schule gegangen bin. Eine war mir besonders wichtig. Sie kam immer zu Fuß, da sie in der Nähe wohnte, in einem der neuen Reihenhäuser, schräg gegenüber dem alten, baufälligen Schulgebäude. Sie hieß Jule. Oder Imogen. Oder Claudia.

Samstag, drei Uhr nachmittags

Es war still, nicht einmal Vögel waren zu hören. Von ferne wehte ein leichter Wind das Rauschen der Autobahn zu uns herüber. Herr Müller stand vor der Garage und schien auf etwas horchen. “Hörst du das?”, flüsterte er. Er wies in einer weit ausholenden Geste vom Boden zum Himmel. “Man hört nichts. Über. Haupt. Nichts.” [...]