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Die paradoxe Situation der Gegenwart (4)

Auf der einen Seite gibt es Bildung und auf der anderen das Gerede darüber. Wer sich – statt um seine persönliche Bildung – um den Diskurs über Bildung kümmert, entdeckt erstaunliche Dinge: Es gibt da zum Beispiel die Rede von der Elite und ihrer Exzellenz.

Diese beiden Begriffe sind weithin anschlussfähig, denn Elite ist dem Bildungsschwadronierer wichtig. Leider weiß er nicht, dass eine Auslese der Besten vollkommen aus sich selbst entsteht; und zwar überall dort, wo es Vergesellschaftung entlang eines Merkmals gibt. Eine Elite kann nicht ernannt, gefördert oder gar vermehrt werden. Sie ist das statistische Phänomen einer Population mit einer Normalverteilung der Individuen über das jeweilige Merkmal.

Aber natürlich kann man die Eliten zweier Populationen anhand des Merkmals vergleichen – zum Beispiel anhand des Geldes, der Macht oder der Bildung. Will man in der eigenen Population eine Bildungselite haben, die besser ist als jene der Vergleichspopulation, so muss man dafür sorgen, dass sich der Durchschnitt hebt. Die Elite hebt sich mit. Sie ist der Schaum auf dem Ozean der Gewöhnlichkeit.

Womit wir bei der Exzellenz wären. Obwohl die Älteren unter uns an steifhüftige Aristokraten mit Monokel denken, handelt es sich doch nur um einen vortrefflich geschnitzten Modebegriff aus der begrifflichen Nachbarschaft von Qualität und Zertifizierung.

Dieses Umfeld verweist auf den Haken, an dem das Exzellenzgerede hängt – eine messbare Höchstleistung erfordert eine Skala. Und so wie das Urmeter auch die Länge der Fußleisten im Baumarkt bestimmt, so ist Exzellenz immer relativ zu einem vorher festgelegten Qualitätskriterium.

Was also ist das Urmeter der Exzellenz? Es ist das Zertifikat. Es besagt, dass jemand mit einem vorgegebenen Paradigma genau übereinstimmt und entsprechend bekannter Algorithmen handeln kann. Das Zertifikat umfasst keine Kriterien für die Situation, dass jemand eine neuartige Lösung für ein Problem findet. Es besagt, dass jemand in der Lage ist, ein vorgegebenes Verfahren zu nutzen.

Ein verblüffender Befund, der nicht recht zu den im Zusammenhang mit Elitenexzellenz laufend herbeigerufenen Begriffen “Kreativität” und “Innvoation” zu passen scheint. Nur die Exzellenzelite ist zugleich auch kreativ und schafft Innovationen, so das Glaubenbekenntnis der Bildungsschwafler.

Doch wenn sich Exzellenz an einem Zertifikat erweist, ist mit Innovation lediglich die Schaffung von Neuem im Rahmen einer Vorgabe gemeint – mehr Tiefenschärfe ist hier nicht möglich; unvermutete, verblüffende, überschießende Erfindungen gibt es nicht. Kurz: Amtlich beurkundete Exzellenz ist die Schwundstufe des schöpferischen Denkens.

Dieser kurze Ausflug in das Bildungsgeraune hat ein erstaunliches Ergebnis: Bildung wird verstanden als das Wiederkäuen von einmal als richtig erkannten Lehrsätzen und nicht als verstehende Aneignung von Wissen – von der Ausbildung einer reifen Persönlichkeit ganz zu schweigen. Die Elite ist also diejenige Gruppe von Gebildeten, die mit besonderer Exzellenz das vorgefundene Wissen umherwälzt und das jeweils an die Öffentlichkeit Beförderte als Innovation kennzeichnet; ein geistiger Durchlauferhitzer im geschlossenen Kreis.

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