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Theater ist schöner als Krieg

Peymann, den ich hier, wie es einem Großen zusteht, durch die alleinige Nennung seines Nachnamens ehren möchte, Peymann also hat mir 1983 ein nicht vergessliches Erlebnis beschert, in Bochum ist es gewesen, wissen Sie, diese seltsame Stadt mit einer Universität, die eine eigene Autobahnauffahrt hat und die schon damals langsam vor sich hin rottete in ihrer sozialdemokratischen Waschbetonmorbidität, dieses Bochum, das ich auch von dieser schwarzen Platte mit der Postleitzahl kannte, die von diesem Schauspieler, der er damals noch war, Herbert Grönemeyer nämlich, eingesungen wurde, und dann dieses Schauspielhaus in dieser Stadt, das Gebäude ein wenig klassizistisch angehaucht, post-neo-irgendwas, aber ganz großartig diese Aufführung der Hermannsschlacht von Kleist, dieses nationalistische Sudeldrama, wie, wenn ich mich richtig erinnere, mein Geschichtslehrer meinte, der auch mein Deutschlehrer war und mit dem wir, das heißt, eine Gruppe von Unentwegten und damals auch Friedensbewegten, mit einem von der Schule gemieteten Kleinbus oder als Mitfahrer in Lehrerautos, über die Autobahn, an der Ausfahrt zur Ruhruni vorbei, in dieses klassizistisch angehauchte Gebäude gepilgert sind, und dann eines Tages kam die Hermannsschlacht über uns hernieder, die mich fast fertig machte in meinem Sitz irgendwo in der Mitte des Parketts, vor allem dieses komplett verrückte und wahnsinnige Kriegerbalett, mit dem Peymann die im Drama breit ausgemalten Schlachtenszenen in einen vielleicht fünfminütigen Satyrtanz aus Kriegern mit Helmen, Schilden und Schwertern verwandelte, ein Hoppeldipoppelgaloppel, ein Mamborambazamba, das ich heute noch vor Augen habe, so dass ich nach dem Stück nicht anders konnte, als dieses Plakat zu kaufen, auf dem die tanzenden Krieger zu sehen sind, auf dem der Satz “Theater ist schöner als Krieg” steht, und ich nicht anders konnte als das Textheft zu kaufen, in dem mich vor allem die wirklich durchgestrichen abgedruckten Streichungen am Originaltext von Kleist beeindruckten, manchmal ging es seitenlang so weiter, streichen, streichen, weg damit, weg mit diesem nationalistischen Sudel, wird sich Peymann gedacht haben, das hat mir gefallen, ich war damals friedensbewegt, es war die Zeit der großen Friedensdemonstrationen, wir sind mit einem gemieteten Bus zum Bonner Hofgarten gepilgert, aber das ist, ich kann das hier nur andeuten, eine andere Geschichte, jetzt werde ich noch zwei Dinge erledigen, das erste hätte ich schon viel früher erledigen müssen, nämlich meinem Deutsch- und Geschichtslehrer zu danken, ganz unpathetisch einfach Danke zu sagen, und das zweite, das ist auch ganz einfach erledigt, ich werde Peymann jetzt zum 70. Geburtstag gratulieren: Herzlichen Glückwunsch.

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