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Ein 1400 Jahre altes Buch

Mitte des 6. Jahrhunderts war das Imperium Romanum längst abgelöst durch die germanischen Nachfolgereiche im Westen und das byzantinische Reich im Osten. Der Versuch des byzantinischen Kaisers Justinian, das Imperium wieder zu alter Größe zu führen, war spätestens 568 unter seinem Nachfolger Justin II. gescheitert. Um die Wende zum 7. Jahrhundert führte dessen Nachfolger Flavius Mauricius einen harten Abwehrkampf gegen das persische Großreich der Sassaniden.

Während dieser Zeit entstand im gallischen Lyon, einer der größeren Städte des Königreichs Burgund, der Codex Coloniensis 212 – eine Sammlung kirchenrechtlicher Texte und verschiedener Konzilsbeschlüsse in lateinischer Sprache. Der Codex, der auch den Namen Collectio Coloniensis trägt, ist eines der ganz wenigen erhaltenen Bücher aus dem 6. Jahrhundert. Zugleich ist er auch eines der ältesten Bücher in Deutschland.

Im Herbst 2006 hatte ich (zusammen mit einer Handvoll weiterer Glücklicher) die Gelegenheit, dieses Buch betrachten zu können. Es befindet sich in der Handschriftensammlung der erzbischöflichen Diözesan- und Dombibliothek Köln. Besichtigungen finden gewöhnlich abends statt, wenn die Bibliothek bereits für den Publikumsverkehr gesperrt ist. Doch nicht nur deshalb war es still im Lesesaal der Bibliothek.

Die abendliche Dunkelheit, die Spannung der 12 Köpfe starken Besuchergruppe beim Blick auf dieses beinahe anderthalb Jahrtausende alte Buch, überhaupt die leicht kuriale Atmosphäre eines Hauses, in dem man öfters Priestern in der Soutane begegnet – mir kam es vor, als habe eben ein Skriptor den letzten Federstrich am Codex getan.

So betrachteten wir das Buch schweigend und aus etwa einem halben Meter Entfernung – näher brachte es der freundliche Bibliothekar mit seinen behandschuhten Händen nicht an uns heran. Vorsichtig blätterte der Bibliothekar mehrmals um und schlug andere Seiten auf

Das Buch ist präzise ausgeführt, aber recht schmucklos. Lediglich die Initialen von Seiten oder Sinnabschnitten sind als Federzeichnungen von christlichen Symbolen (Fische oder Kreuze) gestaltet. Buchmalereien mittelalterlichen Typs gibt es nicht, die Funktion als Sachtext steht im Vordergrund.

Der Codex 212 gehört zur Erstausstattung der Dombibliothek. Sie existiert seit dem 8. Jahrhundert und besitzt neben der Collectio Coloniensis einige Werke aus dem 6. bis 8. Jahrhundert. Die Sammlung ist seit dieser Zeit vollständig geblieben. Ein wirkliches Wunder, das die Bibliothek nicht nur die elf Jahrhunderte bis zum zwanzigsten, sondern auch jenes überstanden hat.

Nach einiger Zeit klappte der Bibliothekar den großen Folianten vorsichtig zusammen, legte ihn wieder zwischen zwei Holzbretter und band weiße Fixierbänder darum. Unsere kurze Besichtigung dieses Werkes ist nicht alltäglich. Noch schwieriger ist es, die Erlaubnis zu bekommen, längere Zeit mit den Handschriften zu arbeiten – selbst für mit dem Thema befasste Wissenschaftler.

Doch zum Glück ist die gesamte Handschriftensammlung auch im Internet verfügbar. Die Codices Electronici Ecclesiae Coloniensis (und auch die Codices Electronici Sangallenses der Klosterbibliothek St. Gallen, einer ähnlich alten und traditionsreichen Sammlung) haben eine etwas ruppige Benutzeroberfläche, entschädigen aber durch einen tiefen Einblick in die spätantike und mittelalterliche Buchkunst.

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