Skip to content

Die Kaiserschere

Ich gehe mit dem Jahrhundert.

Diesen Satz wird meine Großmutter wohl tausend Mal gesagt haben. Geboren am 9. September 1900, erlebte sie die prägenden Jahre ihres Lebens mitten im Kaiserreich Wilhelms II. Bis ins hohe Alter erzählte sie von der Einweihung der Bahnlinie Iserlohn – Dortmund im Jahre 1910. Dort hatte sie Gelegenheit, den Kaiser aus kurzer Entfernung zu bewundern und ihn aus seinem Salonwagen steigen zu sehen.

Die Schere mit dem Kaiserpaar

Natürlich gab es in ihrer Familie nur Monarchisten. Das Porträt des Kaisers hing an der Wand, die Brüder waren eifrige Reservisten, ihre Großmutter hatte noch den alten Kaiser Wilhelm I. gesehen. Diese hat sich 1906 – so vermute ich zumindest – zur Silberhochzeit des Kaiserpaares die Kaiserschere gekauft.

Wilhelm II. war ein moderner Monarch, der genau wusste, dass er seine Legitimation nicht durch Gott, sondern durch andauernde öffentliche Präsenz erhielt. Er wollte ein guter und ein populärer Kaiser sein; sein Bild sollte in jedem Haushalt der Untertanen zu finden sein.

Von Wilhelm II. gibt es so viele Fotos wie von keinem anderen Herrscher seiner Zeit und später auch zahlreiche Filme. Die meisten seiner öffentlichen Auftritte sind dokumentiert.

Daneben gibt es Unmengen an bildlichen Darstellungen auf allerlei Alltagsgegenständen, für die das Kaiserhaus gegen Gebühr offizielle Lizenzen an Hersteller vergab – heute hieße das Merchandising.

So erschien der Kaiser mal allein, mal mit seiner Frau Auguste Viktoria, mal mit der ganzen Familie auf Scheren, Zigarrenabschneidern, Ringen, Tassen, Tellern, Gläsern und manch anderem Nippes.

Zum kaiserlichen Merchandising gehörte auch ein unabsehbarer Strom aus Ansichtskarten. Und natürlich die zahlreichen Wandbilder – Fotografien und nicht immer geschmackssichere Ölschinken.

Die meisten dieser Memorablia sind Kitsch und heute höchstens noch für Historiker und Sammler interessant. Auch die Kaiserschere ist eher ein Kuriosum als ein ästhetisches Ereignis.

Meine Großmutter hat mir mehrmals erzählt, dass diese Schere von ihrer Großmutter zur Hochzeit des Kaiserpaares gekauft wurde. Ich halte dies anhand der Porträts für unwahrscheinlich, da Wilhelm und Auguste Viktoria hier eher wie auf den deutlich späteren Bildern aus dem 20. Jahrhundert aussehen – bei ihrer Heirat 1881 waren beide erst 22. Da sie diese Geschichte als Kind erfuhr, vermute ich, dass sie Weiße und Silberne Hochzeit verwechselt hat.

Die Schere trägt den Stempel “Solingen” – für den Kaiser mussten es solide und haltbare Solinger Schneidwaren sein. Wirklich, die Schere ist nicht nur sehr gut erhalten, sie ist auch ein praktikabler Gebrauchsgegenstand – und in meiner Familie seit dem Kauf in regelmäßigem Einsatz.

Schon als Kind ist mir diese Schere aufgefallen, und so erfuhr ich ihre Geschichte. Mir war damals nur nicht klar, dass unser Land einmal so etwas wie einen König hatte. Ich stellte ihn mir so freundlich und schrullig wie den Monarchen in diesen tschechischen Märchenfilmen vor.

Jahrelang lag die Kaiserschere im Nähkästchen meiner Großmutter. Als ich nach Köln zog, habe ich sie in meinen kleinen Haushalt aufgenommen. Die 87jährige hatte das Nähen ohnehin aufgegeben. Sie nickte dazu nur und sagte mit etwas besorgtem Ton: “Aber achte gut darauf, denn es ist eine Schere mit dem Porträt des letzten deutschen Kaisers und seiner Frau.”

Ich tat, wie sie verlangte. Heute liegt die Kaiserschere in der Küchenschublade. Ich benutze sie zum Abschneiden von Näh- oder Rouladengarn, Pflastern und manchmal zum Öffnen von Milchtüten – wenn die große Küchenschere wieder einmal verschwunden ist. Manchmal reinige ich die Innenseiten der Scherblätter mit Stahlreiniger. Mehr ist nicht nötig, die Kaiserschere wird wohl auch dieses Jahrhundert überleben.

Post a Comment

Your email is never published nor shared. Required fields are marked *
*
*