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Enzyklopädie der Quergängerei

Ein Mann, der sich für einen Bäcker ausgab, kräftig gebaut, vierzig Jahre alt, vielleicht aber auch älter war, trat unter dem Vorwand, ein Bier, und zwar ein sogenanntes Maß, zu trinken, in eine Wirtschaft hinein. Einen Anlaß, über ihn zu reden, gibt es nicht. Als er das Bier getrunken hatte, ging er schweigend hinaus und die Straße hinab, wo man ihn um eine Ecke biegen sah.

Ror Wolf ist immer noch ein Geheimtipp; vermutlich, weil das Lesen seiner Bücher die meisten Erwartungen an Literatur rasch zerstreut. Sie tragen wichtig wirkende, aber seltsam quer klingende Titel wie “Die Gefährlichkeit der großen Ebene”, “Nachrichten aus der bewohnten Welt” und “Zwei oder drei Jahre später”. Als eine Art Romancier schrieb er 1964 die “Fortsetzung des Berichts”, eine Art Kurzprosaiker ist er heute:

Ein Mann hatte sich bei einem Spaziergang verlaufen. Man hat ihn niemals wieder gesehen.

Diese kleine Erzählung aus dem Band “Mehrere Männer” demonstriert die Wolfsche Welt in Reinform: Irrende Männer, Namenlose, die aus dem Ungefähren auftauchen und ins Ungewisse enteilen. Auch der Erzähler gehört zu dieser Welt, er ist manchmal verschlossen, oft unentschlossen, auch geschwätzig und verschwenderisch mit knorrigen Details, und er verstummt gerne nach einem furiosen Beginn und überläßt seine Protagonisten dem Ende der Geschichte.

Die Männer der Wolfprosa finden sich nur mühsam in einer zerbröckelnden, kulissenhaften Welt ebenso zusammenhangloser wie kaleidoskopischer Gegebenheiten zurecht. Meist schweigend arbeiten sie sich durch die Verhältnisse hindurch. Gewalt zwischen ihnen, aber auch Katastrophen jeder Art sind alltäglich. Regelmäßig kollidieren Ansprüche, Stilebenen, Maßverhältnisse und sogar die Erzählhaltungen. Ist das surreal-absurde Prosa? Ist das eine Parodie? Die Parodie einer Parodie?

Nun, das ist alles ziemlich lustig, – und wer bei diesen Geschichten nicht regelmäßig zumindest grinsen muss, hat einen Grund zur Selbsterforschung – doch Ror Wolf lässt sich nicht auf den oft recht schwarzen Humor reduzieren. In “Mehrere Männer” findet sich eine Geschichte, die beinahe so etwas wie eine Poetik beschreibt, allerdings eine Poetik der jede Konsequenz verweigernden Erzählung durch Erzählverweigerung.

Mir liegt wenig daran, die Geschichte, die ich jetzt erzählen werde, zu erzählen. Ich könnte, ebensogut wie Sie, auf diese Geschichte verzichten. Ich könnte auf alle Geschichten verzichten, obwohl ich gelegentlich gern ein paar Mitteilungen mache; nur fürchte ich, daß Ihnen diese Mitteilungen längst bekannt sind, weil ich sie schon an anderen Stellen gemacht habe. Ich bin also der Meinung, daß es ganz überflüssig ist, weiterzureden. Weil aber das Überflüssige zuweilen etwas Reizendes hat, sollen Sie wenigstens den Schluß der Geschichte hören, den letzten Satz, der etwa folgendermaßen aussehen würde: Der Mann erhob sich und war froh darüber, daß alles gut ausgegangen war. – Ich weiß, wie angenehm dieser Satz, so für sich gesprochen, klingt; deshalb überlasse ich Sie jetzt diesem hübschen Gefühl und entferne mich. Sie werden mein Entfernen gar nicht bemerken.

Ror Wolf, Mehrere Männer.
Frankfurter Verlagsanstalt 1992. 128 Seiten, ~7,- EUR.
ISBN 3627700066

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