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Wir träumen von elektrischen Schafen

Das Philip K. Dick-Universum ist ein besonderer Ort. Es gibt dort nonchalante Kofferpsychiater und Türen, die zum Öffnen überredet werden müssen. Menschlich wirkende Roboter mit künstlicher Intelligenz nehmen ihre humanistisch inspirierte Programmierung sehr ernst. Die Protagonisten sind meist Angestellte, oft Techniker. Sie sind in unübersichtliche, widersprüchliche Ereignisse verstrickt und werden von Chefs oder Kollegen manipuliert. Nichts ist, wie es scheint und jederzeit kann sich das Gegenteil als wahr erweisen.

Dieses Muster hat Philip K. Dick (PKD) in zahlreichen Erzählungen und Romanen durchgespielt. Seine Geschichten haben eine rasche Entwicklung und verblüffende Wendungen. Sie laden zur Verfilmung förmlich ein, auch wenn die Handlung oft zu komplex für einen Film nach Hollywood-Strickmuster ist. Einige Erzählungen sind in den letzten Jahrzehnten bereits verfilmt worden, und es werden in rascher Folge mehr. Schließlich hat die Filmindustrie gute und unverbrauchte Geschichten mehr als nötig, denn sonst werden uns nur noch Sequels und Prequels serviert.

Das PKD-Universum im Film

Blade Runner

Blade Runner (1982) von Ridley Scott. Mit Harrison Ford (Rick Deckard), Rutger Hauer (Roy Batty), Sean Young (Rachael).
2019. Die meisten Tierarten sind ausgestorben, Los Angeles ist ein düsterer und gefährlicher Ort. Rick Deckard jagt im Auftrag der mächtigen Tyrell Corporation aufsässige und gefährliche Replikanten – kaum von einem Menschen zu unterscheidende Androiden mit künstlicher Intelligenz und einem eigenen Gefühlsleben. Doch er zweifelt an seinem Auftrag. Darf er einen empfindungsfähigen Replikanten vernichten?

“Blade Runner” war die erste PKD-Verfilmung und die einzige, deren Verwirklichung PKD miterlebt hat – zumindest konnte er vor seinem Tod noch einige ungeschnittene Szenen sehen. Sie basiert auf dem Roman “Träumen Roboter von elektrischen Schafen” und hat längst Klassikerstatus erreicht.

Ridley Scott verzichtete von Anfang an darauf, die ganze Komplexität des vielschichtigen Romans in einen Film zu übertragen. Er hat den Main Plot aus dem Buch genommen und mit viel Dunkelheit, Regen und einer eindringlichen Charakterstudie des gebrochenen Roboterjägers Rick Deckard zu einer grandiosen Dystopie verarbeitet.

Dem Regisseur gelingt in diesem Film das Kunststück, die philosophische Hauptfrage aller PKD-Romane (“Was ist das menschliche an einem Menschen?”) glaubwürdig umzusetzen. So ganz nebenbei ist “Blade Runner” ein stilbildendes Kunstwerk, das die Elemente des SF-Genres auch für die nächsten Jahre definieren wird – vielleicht über 2019 hinaus.

Total Recall

Total Recall (1990) von Paul Verhoeven. Mit Arnold Schwarzenegger (Douglas Quaid / Hauser), Sharon Stone (Lori), Rachel Ticotin (Melina).
2084. Douglas Quaid ist ein Bauarbeiter mit einem Traum: Er hätte gerne ein abenteuerliches Leben. Doch zum Glück gibt es bei REKALL Inc. implantierte Erinnerungen für kleines Geld. Doch es geht etwas schief, Quaids wirkliche Persönlichkeit kommt teilweise zum Vorschein: Er ist der Mars-Rebell Hauser. Aber auf dem Mars stellt sich heraus, dass er als Geheimagent den Unterschlupf der Rebellen aufdecken soll. Oder?

Die zweite PKD-Verfilmung nimmt nach “Blade Runner” und “A Scanner Darkly” den dritten Platz auf der Qualitäts-Skala ein. Arnold Schwarzenegger ist hier vollkommen gegen den Strich besetzt, denn er spielt einen Antihelden, der auf der Grenze zwischen Wirklichkeit und Traumwelt balanciert.

Der Film mit dem schönen deutschen Titel “Die Totale Erinnerung” illustriert ein Kernthema im PKD-Universum: Künstlich ins Gehirn eingespeiste Erinnerungen, die der Protagonist nicht von der Realität unterscheiden kann. Der action- und wendungsreiche Plot ist undurchsichtig und hat – völlig untypisch für eine A-Produktion aus Hollywood – ein quasi-offenes Ende.

Es ist auch dem Zuschauer unklar, ob Quaid immer noch an der Erinnerungsmaschine hängt, denn er könnte das glückliche Ende der Geschichte auch träumen. Schließlich hat er genau das bekommen, was er bei REKALL Inc. bestellt hat: Eine wilde Agentengeschichte auf dem Mars und am Schluss das Mädchen.

Screamers

Screamers (1995) von Christian Duguay. Mit Peter Weller (Joe Hendricksson), Roy Dupuis (Becker), Jennifer Rubin (Jessica Hanson).
2078. Im Krieg der “Allianz” gegen den “New Economic Block” werden kleine, tödliche Roboter eingesetzt, die sich selbst reproduzieren. Doch die Gesetze der Evolution gelten auch für Roboter, so dass die Tötungsmaschinen immer effizienter werden. Schließlich sind sie nicht mehr von Menschen zu unterscheiden und damit die ultimativen Attentäter. Am Ende fangen sie sogar an, sich wie Menschen gegenseitig zu töten.

Ein B-Film, der eine PKD-Kurzgeschichte skelletiert und zu einem furiosen Action-Spektakel umbaut. Wenigstens wird der Wüstenplanet Sirius 6B in düsteren und kargen Landschaftsbildern dargestellt. Als PKD-Movie eher ein Flop, aber als Genrefilm gut gelungen.

Impostor

Impostor (2002) von Gary Fleder. Mit Mit Gary Sinise (Spencer Olham), Madeleine Stowe (Maya Olham), Vincent D’Onofrio (Hathaway).
2079. Die Erde und ihre Kolonien befinden sich im Krieg mit Aliens. Der Wissenschaftler Spencer Olham wird verhaftet. Er soll durch einen Alien-Replikanten ersetzt worden sein – eine lebende Bombe, die nicht zu entdecken ist. Olham will beweisen, das er kein Alien ist und flüchtet. Doch er ist verloren: In dem Moment, in dem er erkennt, das er ein Alien ist, explodiert die Bombe in seinem Inneren.

Vierter Versuch, zweiter B-Film. Er hatte ein noch geringeres Budget als “Screamers”, so dass die Statisten die Kampfanzüge aus “Starship Troopers” auftragen mussten. Auch die Handlung ist ziemlich fadenscheinig, da von der PKD-Kurzgeschichte nur der Plot den Weg ins Drehbuch fand, aber weder Philosophie noch Psychologie.

Minority ReportMinority Report (2002) von Steven Spielberg. Mit Tom Cruise (Chief John Anderton), Max von Sydow (Director Lamar Burgess), Steve Harris (Jad).
2054. Das Verbrechen ist ausgerottet. Die Abteilung Precrime der Washingtoner Polizei arbeitet mit drei Präkogs zusammen, die in die Zukunft sehen. Precrime verhaftet jeden, der ein Verbrechen begehen wird – vor der Tat. Karrierepolizist John Anderton wird selbst zum Ziel von Precrime und soll verhaftetet werden. Doch er wehrt sich und findet heraus, das es ein Minderheitsvotum gibt, denn nicht immer sehen alle drei Präkogs das Gleiche.

So sieht eine PKD-Verfilmung aus, wenn ein A++-Regisseur mit viel Geld eine A++-Produktion in die Kinos bringt: In der optisch ultrareinen Zukunft gibt es Geek-Tools allüberall. An jeder Ecke hängen Plasmabildschirme, die potentielle Kunden mit personalisierter Werbung ansprechen. Sehr praktisch, dass die Präventivkriminologie den Vandalismus abgeschafft hat.

Unschuldige gibt es nicht mehr, nur Nochnichtschuldige. Und mit der Technologie hat Steven Spielberg eine zusätzliche Dystopie-Ebene in die PKD-Kurzgeschichte eingebaut. Außerdem gab er dem Handlungsgerüst eine ordentliche Dosis Action. Die Grundidee der Kurzgeschichte – die Kenntnis von Zukunftsprognosen führt in einen infiniten Regress und zur Self-Fulfilling Prophecy – ist immerhin erhalten geblieben.

Der stilsicher ausgestattete und routiniert gedrehte Film ist spannend und kurzweilig, doch leider hat Spielberg den einen oder anderen Kanister Weichspüler vergossen. Kurz: Popcorn-Kino mit einem Popcorn-Hauptdarsteller.

Paycheck

Paycheck (2003) von John Woo. Mit Ben Affleck (Michael Jennings), Aaron Eckhart (James Rethrick), Uma Thurman (Dr. Rachel Porter).
2007. Der geniale Ingenieur Michael Jennings erfüllt Aufträge, die nicht immer legal sind. Anschließend lässt er sich die Erinnerung daran nehmen – ihm bleibt lediglich sehr viel Geld. Doch bei diesem Job ist alles ganz anders: Er erhält als Lohn eine Tüte mit kuriosen Gegenständen wie einer Kinokarte. Doch diese Dinge haben ihren Sinn, denn Jennings hat eine Maschine erfunden, die in die Zukunft sehen kann. Er muss sie unbedingt zerstören.

Noch eine Geschichte, bei der es um den Blick in die Zukunft geht. Wie bei John Woo zu erwarten, gibt es penibel choreografierte Action mit wilden Verfolgungsjagden. Leider erreicht der Film trotz A-Produktion nur ganz knapp B-Film-Standard. Eine verschenkte Chance, “Total Recall” vom Thron der besten Adaption einer windungsreichen PKD-Story zu stoßen.

A Scanner Darkly

A Scanner Darkly (2006) von Richard Linklater. Mit Keanu Reeves (Bob Arctor / Fred), Robert Downey Jr. (James Barris), Rory Cochrane (Charles Freck), Mitch Baker (Brown Bear Lodge Host), Winona Ryder (Donna Hawthorne / Hank).
Bald. Die Superdroge Substanz D bestimmt das Leben von Bob Arctor und seinen Freunden. Doch Bob ist der Drogen-Cop Fred im Undercover-Einsatz – selbst Freds Chef Hank kennt seine Identität nicht. Eines Tages soll er sich selbst beschatten. Dieser Auftrag endet nicht gut für Fred, denn Hank hat etwas Besonderes mit Bob vor.

Wundervoll. Richard Linklater hat es tatsächlich geschafft, diesen Roman Noir in einen Literaturfilm zu transportieren. Beim Drehbuch hat sich Linklater stark an das Handlungsgerüst von PKD gehalten und vor allem die Dialoge 1:1 aus dem Buch übernommen. Durch die Reduktion auf die wenigen Hauptfiguren und die (Tarrantino vorwegnehmenden) Gespräche zwischen den Drogenfreaks wird der Film zu einem Kammerspiel, das auch ohne aufwendiges Filmset Atmosphäre und Dramatik erzeugt.

Der besondere Dreh dieses Films: Dank der computergestützten Rotoskopie des Originalmaterials wurde “A Scanner Darkly” zu einem fotorealistischen Animationsfilm umgestrickt. Nur dadurch konnte Linklater das einzige genuine SF-Element des Buches in eine passgenaue Filmidee umsetzen: Der Jedermann-Anzug, im Buch ein computergestützter Ganzkörperanzug, der Identitätsbruchstücke vermischt, so dass der Träger in jeder Zehntelsekunde anders aussieht.

Das schnelle Überlagern der Gesichter und Kleidungsstücke von immer wieder anderen Personen auf den Körpern der Drogencops spiegelt die in Stücke zerbrochene Persönlichkeiten der Süchtigen wider. Irgendwann leiden alle unter Persönlichkeitsspaltung, dem Hintergrundthema des Films “A Scanner Darkly” – und Paranoia. Doch die ist nur zu berechtigt, denn ein Heiler erhält sich seine Klientel am besten, wenn er selbst für ihre Krankheit sorgt.

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