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Ich lüfte den Hut, obwohl mir nicht warm ist

Die Floskel “Hochachtungsvoll” ist nur eine solche und außerdem ausgestorben. Es ist heute leider kaum möglich, jemandem seine Wertschätzung auszudrücken, ohne in Peinlichkeit zu enden. Meist wird “Respekt” geäußert – einer von vielen Anglizismen, die einen guten deutschen Begriff durch ein schwaches Lehnwort aus dem Englischen ersetzen, denn “respect” bedeutet in erster Linie “(Hoch-)achtung”.

Also gut: Meine vorzüglichste Hochachtung an die Herausgeber und Mitarbeiter der Literaturzeitschrift Schreibheft, die seit vielen Jahren Literatur ausgraben, freilegen, fördern und kultivieren. Der derzeitige Herausgeber Norbert Wehr hat seit 1979 aus dem zweimal jährlich erscheinenden Schreibheft, das ursprünglich der Arbeiterliteratur-Euphorie der 1970er Jahre entstammt, die maßgebliche Literaturzeitschrift Deutschlands gemacht.

Die Redaktion widmet sich vor allem experimentell-avantgardistischen Texten aus aller Welt, mit einem eindeutigen Schwerpunkt im englischen Sprachraum. Im Schreibheft erschienen die ersten Texte von Don DeLillo, William Gaddis und David Foster Wallace. Ohne das Engagement der Schreibheft-Mitarbeiter wären diese Autoren sicher nicht so ohne weiteres in Deutschland erschienen.

Das breite Spektrum aus Prosa, Lyrik, Comic, Epos, Drama und jeder Art von Experiment dazwischen macht jedes Schreibheft zu einer Überraschung. Der größte Teil einer Ausgabe sind “Primärtexte”, wie die Germanistik etwas spitzfingrig sagt. Das heißt nichts weiter, als das wir nicht lesen, was die Schreibheft-Leute von einem Autoren denken, sondern es bedeutet vielmehr, das wir lesen, was die Schreibheft-Leute denken, das wir lesen müssen. Und so soll es sein.

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