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Literatur und Krieg

Der Stellungskrieg 1914 – 1918 im Westen ist der erste technologische Krieg der Weltgeschichte. Er ist durch die Technik zu einem Stellungskrieg erstarrt, und er soll durch Technik wieder zu einem Bewegungskrieg aufgelöst werden.

Der Krieg versteinert bereits im Spätherbst 1914, da die französischen und die deutschen Armeen wesentlich besser für die Verteidigung ausgerüstet sind als für den Angriff. Es ist im Grunde nur ein kleiner technischer Vorsprung: Die Erfindung des Maschinengewehrs und des auf kurze Distanz zielgenauen Granatwerfers. Beide können aus einem Versteck heraus die angreifenden Fußtruppen in hoher Geschwindigkeit und großer Zahl töten.

Die moderne Militärtechnik sorgt für einen anderen Kriegsverlauf, als ihn die auf schnelle Vorwärtsbewegung ausgerichtete Planung vorsieht. Die Überlegenheit der Infanteriegeschütze in der Verteidigung sorgt dafür, das die Armeen feste Stellungen bauen müssen, um geschützt zu sein. Bei beiden Parteien herrscht in dieser Hinsicht taktische Waffengleichheit: Jede Seite besitzt Waffen, die alle Angriffe abwehren können; keine Seite besitzt ein Mittel, um diese Verteidigungslinien nachhaltig zu überwinden.

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Diese Situation ist ein Patt. Es ist politisches Denken, dieses auch anzuerkennen. Doch die Parteien des 1. Weltkrieges haben sich längst ideologisch ineinander verbissen, so dass sie nur nach einer militärischen Lösung Ausschau halten. Beide Seiten müssen also einen technischen Weg zu finden, der den Angriff ermöglicht. Eine Lösung des Problems gibt dem Buch von Ernst Jünger den Titel: Das vorbereitende Trommelfeuer, dem ein Infanterieangriff mit vorgelagerter Feuerwalze folgt.

Zunächst beginnt der Angriff mit einem Dauerfeuer auf einen möglichst großen Frontabschnitt. Dabei werden enorme Mengen mittlerer und schwerer Munition eingesetzt. Bei der Schlacht von Verdun beispielsweise werden über Wochen insgesamt zweieinhalb Millionen Artilleriegeschosse mit 1300 Munitionszügen an die Front gebracht.

Während der Artillerievorbereitung des Angriffs auf Verdun feuern am ersten Kampftag über 1.200 Geschütze eine knappe Million Geschosse ab. Der betreffende Frontabschnitt wird dadurch zu einer mehrfach umgepflügten Todeszone. Nach neun Stunden – in späteren Schlachten erst nach Tagen – endet das Trommelfeuer und der Sturmangriff der Infanteristen beginnt.

Doch trotzdem leben in der Todeszone noch ausreichend Gegner mit Maschinengewehren, die die vorderen Soldaten zu Hunderten töten. Um sie zu schützen und möglichst dicht an die gegnerischen Stellungen heran zu führen, schießt sich die Artillerie auf einen Bereich ein paar hundert Meter vor der Hauptlinie der Angreifer ein. Die Schusslinie wird nun schrittweise nach vorn verschoben, so dass die Infanterie nachrücken kann.

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In der Theorie und auf dem Messtischblatt funktioniert dies alles ganz hervorragend. In der Praxis allerdings kommt es zu den von Clausewitz so genannten “Friktionen”. Die Kanonade ist wegen technischer Probleme nicht präzise genug, und die Sturmsoldaten stürmen zu rasch vor, in die eigenen Geschosse hinein. Oder die Feuerwalze bricht nach vorne aus, da der Sturmangriff von überlebenden Gegnern aufgehalten wird.

Die Artilleristen haben das Problem, dass sie ihre Ziele nicht sehen, denn sie schießen nur anhand von Karten. Eine offene Feuerstellung mit Feindsicht wäre zu leichte Beute für die gegnerischen Geschütze. Aus diesem Grunde ist die gedeckte Stellung üblich. Sie erfordert eine regelmäßige und präzise Zielaufklärung. Doch es mangelt an effektiven Kommunikationsmitteln für die Verbindung zur vordersten Schlachtreihe.

Mit Sprachfunk wird erst experimentiert, die Geräte sind zu schwerfällig für den raschen Positionswechsel. Die Telefontechnik dagegen ist auf einem Stand, der eine solche Kommunikation erlaubt. Aber Verbindungen aus Draht haben den Nachteil, in eigenem oder fremdem Feuer schnell zu zerreißen. Deshalb greifen die Feuerleitoffiziere bei der Zielberechnung und der Schusskorrektur oft auf Meldegänger zurück – eine Lösung, die Zeit erfordert und schnelle Reaktionen auf taktische Entwicklungen verhindert.

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Letztlich hat die Materialschlacht die Situation nicht wesentlich verändert. Zudem sind Herstellung und Transport von Geschossen aufwendig und teuer. Ein wirksames, aber kostengünstiges Mittel muss her: Giftgas, die fürchterlichste Waffe des I. Weltkrieges.

Bei einem Gasangriff werden zuerst Chlor-Arsen-Kampfstoffe eingesetzt. Sie dringen durch die Gasmasken und lösen einen Brechreiz aus, der die Soldaten zwingt, die Maske abzunehmen. Anschließend werden lungenschädigende Gase wie Phosgen genutzt, die maskenlosen Gegner ersticken qualvoll.

Doch es hilft nichts, der Krieg an der Westfront wird nicht zu einem Bewegungskrieg. Keine Seite kann Vorteile oder Überraschungssiege ausnutzen, da sich die Sturmangriffe relativ schnell verlaufen und nach einiger Zeit wieder die Überlegenheit der Verteidigung zu wirken beginnt. Im Sommer 1918 ist die deutsche Front in einem Erschöpfungszustand, der durch kein Mittel mehr zu beheben ist – es fehlt Nachschub an Soldaten und Material. Die Gegner indes werden durch die gerade erst angelaufene US-Kriegsmaschinerie verstärkt.

In dieser Situation bleibt der obersten Heeresleitung nichts anderes übrig, als den Politikern die Bitte um Waffenstillstand vorzuschlagen. Nur die Marine soll noch in einer nutzlosen Seeschlacht den heldenhaften Untergang suchen. Es kommt zu Aufständen und in der Folge zu einer Revolution, die innerhalb weniger Wochen die Front, den Kaiser, die Monarchie und das ganze alte Deutschland hinwegfegt. Als am 11. November 1918 der Frieden beginnt, haben die 36 am Krieg beteiligten Staaten 10 Millionen Todesopfer und 20 Millionen Verletzte.

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Der Protagonist des tagebuchartigen Protokolls durchlebt den Krieg in einer stoischen Haltung, ohne zurückzublicken, ohne aufzuschauen, ohne jede Aussicht auf Zukunft. Ernst Jünger hat schnell begriffen, dass es in diesem Krieg nur eine Möglichkeit gibt: Vorwärtsstürmen. Er hat sofort bemerkt, dass es nur einen Weg durch diesen Krieg hindurch gibt: Den Blick nicht in die Ferne richten, nur auf die nächsten drei Meter, die es zu erkämpfen gilt. Wer weiß schon, was die nächsten Sekunden bringen? Für die meisten den Tod.

Dieses Buch ist weder pazifistisch noch moralisch. Es verweigert die Konsequenz, den Krieg abzulehnen. Statt dessen macht es den Kampf zu einem Gottesdienst, einem sakralen Akt. Der Protagonist verwandelt sich im Laufe des Buches zu einem Kämpfer, wie ein Mensch durch ein Erweckungserlebnis zu einem Glaubenden wird.

Kaum ein Buch der klassischen Moderne ist von einem größeren Halo aus Vorurteil und Ablehnung umgeben. Die anstößig wirkende Distanziertheit, der Kriegerkult, die Vergötterung des Waffenstahls, die erotisch aufgeladene Hingabe an den Tod – alle diese Elemente sind wieder und wieder mit Abscheu analysiert worden. Ein nüchterner, distanzierter Blick auf das Buch zeigt uns: Das ist es, was der Krieg aus einem Menschen macht.

Sind wir vorbereitet? Kein Buch der klassischen Moderne ist heute notwendiger zu lesen.

Ernst Jünger, In Stahlgewittern (1920).
Klett-Cotta 2001. 324 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN 360895208X.

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