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Ravergirl

Die 15jährige Maria Antonia ist nichts weiter als ein Pfand für die Heiratspolitik ihrer Mutter, der österreichischen Kaiserin Maria Theresia. 1770 wird sie zur Gattin des jungen französischen Thronfolgers Louis bestimmt. In einem Rite de Passage betritt sie ihre neue Heimat vollkommen nackt und wird neu eingekleidet; nichts soll an ihre alte Existenz erinnern.

Sie erreicht Versailles, einen Hof mit irrwitzigen Ritualen und unsinnigen Regeln. Dort ist sie der Mittelpunkt der Hofgesellschaft und trotzdem absolut einsam. Also flieht sie vor ihrem törichten Mann und dem Korsett der Etikette in den Rausch der ewigen Party, in die Gegenwelt der Nachtclubs, der wilden Flirts und ekstatischen Affären.

“Marie Antoinette” von Sofia Coppola schildert wie in “The Virgin Suicides” oder “Lost in Translation” die Erlebnisse eines jungen Mädchens, das in einer Flut aus bedrohlichen Signifikanten und unverständlichen Chiffren zu versinken droht. Marie Antoinette hat keine normalen, menschlichen Kontakte mit ihrer Umgebung, also stützt sie sich auf den Luxus, die Befriedigung durch Kaufexzesse.

In den flirrenden optischen Rausch aus Schuhen von Manolo Blahnik, Kleidern von Vivienne Westwood und Kuchen, immer wieder diesen üppigen Kuchen aus Obst und Marzipan, sind kleine Widerhaken eingebaut: Ein Paar Chucks neben ausgeflippten Designer-Schuhen, der New-Wave-Schriftzug des Filmtitels, die Musik, die Elektropop, Ambient und Gitarrensound mischt.

Der Film spielt mit den Erfahrungen einer Generation. Er ist weder ein Historienfilm noch ein Kommentar zur politischen Geschichte. Der Widerspruch, der Skandal des Films, der ihn in Cannes durchfallen ließ: Die Konzentration auf die egozentrische, jugendlich-unbekümmerte Froschperspektive der Protagonistin; während doch alle den Anspruch an Marie Antointette haben, als Spitze der französischen Gesellschaft den Stratosphärenblick zu besitzen. Dies war 1789 ein Ärgernis, und es ist heute ein Ärgernis.

Doch genau dieser Widerspruch ist die geistige Situation der Gegenwart, in der wir Parties feiern, statt … ja, was sollten wir stattdessen tun? Die Welt retten? Wir sind ratlos und verschreckt. Wir sind Marie Antoinette; gefangen in einem Horrortrip aus dem Reich der Zeichen, wir sind Schläfer in einem zwielichtigen Traum, mit buntem Nebel betäubt; seine Farben sind alabastern, pastellig, elfenbeinern und pink, ganz viel Pink.

Marie Antoinette
Buch und Regie: Sofia Coppola
Produktion: Francis Ford Coppola, Sofia Coppola
Columbia Pictures, American Zoetrope 2006.

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