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Widerspenstige Wirklichkeit: Alexander Kluge wird 75

Das Buch hatte genau das richtige Format, ungefähr 15 mal 24 Zentimeter. Durch den schwarzen Einband mit einem Überzug aus Papier in Leinenstruktur und die goldene Titelprägung wirkte es wie eine Bibel. Dies und die knapp 1300 Seiten in dunkelgelbem Dünndruckpapier gaben dem Buch einen ernsten, beinahe sakralen Charakter – oder einen ironischen. Dieses rätselhafte Buch mit den beiden scheinbar unvereinbaren Worten im Titel hatte den 18jährigen angesprochen.

Geschichte. Ungefähr zwei Jahre zuvor war sein Interesse daran erwacht. Er gehörte zu der Generation, die einerseits durch die eigene Familie, andererseits durch Medienereignisse mit der deutschen Geschichte konfrontiert wurde. Kurz nach seinem 16. Geburtstag hatte er allein reisend seine Tante in der DDR besucht. Ebenfalls 1979 sendete das Fernsehen die TV-Serie Holocaust, die er wie viele andere seines Alters gebannt verfolgte.

Eigensinn. Diesen Geisteszustand empfand der 18jährige sehr stark an sich selber. Er war ihm in der Kindheit immer zum Vorwurf gemacht worden. Zuerst verstand er nicht, was dieses Wort bedeuten sollte. Er fand nicht, dass er etwas Böses getan hatte, er wollte die Dinge nur auf seine Art erledigen. Später betrachtete er es als Auszeichnung.

Dies liegt jetzt ein Vierteljahrhundert in der Vergangenheit. Ich kann mich kaum noch in den 18jährigen hineinversetzen. Er ist zwar ich, aber er ist mir ungeheuer fremd. Auch die Welt, wie sie damals war, ist mir beinahe unverständlich geworden. Ich weiß nur, dass es sich 1981 anders anfühlte, ich zu sein. Zu dieser Zeit hatte der 18jährige, der ich war, gerade erst begonnen, sein Leben endlich selbst in die Hand zu nehmen. Diese Jahre lösten einen bis heute anhaltenden Prozess der Selbstvergewisserung durch das Nachdenken über Geschichte aus. Der 18jährige stand am Anfang einer langen und aufregenden geistigen Reise, und eine der ersten Stationen war “Geschichte und Eigensinn” von Alexander Kluge und Oskar Negt.

Das Werk von Alexander Kluge ist ein scharfsinniges Konvulut aus Gedanken und Erzählungen. Er arbeitet an einem Projekt, das irgendwo zwischen der Bibliothek von Alexandria und der von Babel angelegt ist. Es ist ein Archiv der Tatsachen, der tausend Geschichten aus der widerspenstigen Wirklichkeit. Es sind zum größten Teil kurze Erzählungen, die zu einem “wall of stories” übereinander geschichtet werden.Zur Methode der Geschichtserzählung von Alexander Kluge gehört die Irritation über die Frage, ob es sich um Fakt oder um Fiktion handelt. Kluge-Leser wissen, dass es keine hunderprozentige Sicherheit gibt.

In Frankfurt/Main war ein Mann in einer Großbank in leitender Stellung tätig. Weite Gebiete von Westafrika lagen im ökonomischen Herrschaftsbereich dieser Bank. Zur Winterzeit lernte dieser leitende Mann, ein Globalisierer, eine Prostituierte kennen, die aus genau jenem westafrikanischen Gebiet nach Frankfurt gekommen war. Er verliebte sich. Die Beziehung entwickelte sich für alle Beteiligten verwirrend. Kurz vor Heiligabend führte sie zum Tod des mächtigen Mannes. Wer aber war hier der Mächtige? Etwas zwischen Herrschern und Beherrschten zeigt sich als mächtig, ein subjektiv-objektives Schicksal. Aus vielen solchen Geschichten läßt sich GLOBALISIERUNG beschreiben, kaum aus einer einzelnen. (Quelle)

Der unterschätzte Mensch (mit Oskar Negt). Band 1: Suchbegriffe / Öffentlichkeit und Erfahrung / Massverhältnisse des Politischen. Band 2: Geschichte und Eigensinn

Chronik der Gefühle. Band 1: Basisgeschichten. Band 2: Lebensläufe

Die Lücke, die der Teufel läßt. Im Umfeld des neuen Jahrhunderts

Tür an Tür mit einem anderen Leben

Geschichten vom Kino

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