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Luhmanns Gehirn

Die Geschichte des Zettelkastens ist die Geschichte der geistigen Arbeit. Es gibt davon viel zu erzählen: Die Geschichte von Aufstieg und Fall der Zettel, die Geschichte vom Zettelkasten, der mehr weiß als sein Besitzer und die Geschichte vom Zettelkasten, der seinen eigenen Traum gebiert.

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Mitte des 16. Jahrhunderts war der Buchdruck gerade ein Jahrhundert alt, doch die Bibliothekare sprachen bereits von einer Bücherflut. War die Bücherei des Mittelalters mit einigen Dutzend bis mehreren hundert Bänden noch überschaubar, so entstanden nun Großbibliotheken. Sie erforderten andere Mittel zur Verwaltung als eine schlichte Inventarliste – es entstand die Bibliographie, das Buch der Bücher.

Zur Erfassung der Werke nutzten die Bibliothekare ein Mittel, das viele Gelehrte zur Aufzeichnung von Exzerpten, Notizen und Ideen einsetzten: Den losen Zettel. Ein Zettel pro Werk, dies setzte sich schnell als Standard durch. Doch anschließend wurde alles zu einem vielbändigen Katalog kompiliert, der rasch veraltete. Zahlreiche Bibliographierprojekte scheiterten an der schlichten Menge des Bestands und dem steten Fluss der Neuzugänge.

Aus purer Not entstand der Zettelkatalog: Um überhaupt etwas zu haben, nahmen die Bibliothekare die Zettel. Doch diese Notlösung war ein Glücksfall. Zettel lassen sich rasch alphabetisch sortieren, sind flott zu ergänzen und jederzeit neu zu schreiben – der bis in die frühen 1990er Jahre gängige Bibliothekskatalog war geboren.

Was noch fehlte, waren dauerhafte und einheitliche Zettelformate. Im revolutionären Frankreich wurde die geplante Nationalbibliographie aus Kostengründen auf den unbedruckten Rückseiten von Spielkarten erfasst. Gut hundert Jahre später propagierte Melvil Dewey für den Bibliothekskatalog die Einheitskarte in halber oder ganzer Postkartengröße, etablierte die querformatige Ausrichtung als Standard und erfand mit seiner Firma “Library Bureau” die Hängeregistratur.

Der standardisierte Zettelkasten mit Kartons exakt gleicher Größe wurde rasch weltweit übernommen und bekam in Deutschland den Namen Kartei. In den Jahrzehnten um die 19. Jahrhundertwende adaptierten zahlreiche Firmen die Karteikarte (und Karteischubladen und -schränke) für buchhalterische und organisatorische Zwecke.

Zu dieser Zeit trennten sich die drei Hauptlinien der Kartei: Der alphabetisch sortierte Bibliothekskatalog wurde ergänzt durch ein systematisches Verzeichnis aller Werke nach der von Melvil Dewey erfundenen Dezimalklassifikation. Er blieb bis zu seiner Ablösung durch den Computer nahezu unverändert in Gebrauch.

Der akademische Zettelkasten ist ein geistiges Werkzeug, mit dem Gedanken erfasst und geordnet werden. Diese Nische für die Kartei wird vermutlich bald endgültig computerisiert. Nur die Lernkartei als Hilfsmittel zum Memorieren von Vokabeln und anderem definitorischem Bildungsgut wird sich wohl noch etwas länger halten.

Die allgemeine Kartei, die Anschriften und kaufmännische Daten erfasst, begleitete den beispiellosen Aufstieg der US-Wirtschaft und beförderte das Wirtschaftswunder der Deutschen, bis sie in den Jahren nach 1970 mehr und mehr vom Computer ersetzt wurde – durch die Datei.

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1954 begann der Volljurist Niklas Luhmann (8. 12. 1927 – 6. 11. 1998) eine Laufbahn als Verwaltungsbeamter des höheren Dienstes, die er 1962 zugunsten einer wissenschaftlichen Karriere abbrach. 1966 habilitierte er sich bei Helmut Schelsky und Dieter Claessens mit einem verwaltungsrechtlich inspirierten Thema zur Organisationssoziologie. 1968 übernahm er eine ordentliche Professur für Soziologie an der Universität Bielefeld, die er bis zu seiner Emeritierung 1993 erfüllte.

Die Beschäftigung mit Rechtsfragen fördert ein zergliedernd-unterordnendes Denken. Im Recht wird ein Einzelfall zunächst in einen oder mehrere rechtliche Sachverhalte zergliedert und dann jeweils unter eine Rechtsregel geordnet. Sachverhalte und Regeln stehen gewöhnlich in einer 1:1-Beziehung. Andernfalls haben die Juristen ein Problem, das es zu erörtern gilt. Die Folge ist meist eine neue oder eine präzisierte Regel, die wieder für 1:1-Beziehungen sorgt.

In der Lebenswelt dagegen gibt es nicht nur Eindeutigkeiten. Sie ist viel mehr; eine Mannigfaltigkeit aus Verbindungen zwischen Dingen, Tieren, Menschen, Organisationen und Abstrakta. Die Erforschung dieser Mannigfaltigkeit ist die Aufgabe der Soziologie. Sie hat deshalb ein geistiges Interesse daran, die Lebenswelt auf den Begriff zu bringen. Niklas Luhmann hat dafür den Begriff des Systems gewählt.

Die Theorie sozialer Systeme von Niklas Luhmann gilt als der weltweit erfolgreichste und wirkmächtigste Entwurf einer Gesellschaftstheorie im 20. Jahrhundert. Das Hauptwerkzeug seiner Theorieproduktion war ein ins Gigantische gewachsener Zettelkasten, mit dessen Hilfe er zwischen 1968 und 1993 rund drei Dutzend Monographien und Aufsatzsammlungen geschrieben hat. In dem Text “Kommunikation mit Zettelkästen” erläuterte Niklas Luhmann seine Methode der Verzettelung.

Sie nutzt zwei einander zugeordnete Zettelkästen. Der eine nimmt fortlaufend numerierte Zettel auf. Darauf erfasst der Nutzer die Ideen, Exzperte, Zitate und vieles mehr – einfach nacheinander, wie sie beim Fortgang der Arbeit entstehen. Der andere enthält ein Register aus alphabetisch sortierten Schlagwortzetteln. Dort werden die Nummern der jeweils passenden Zettel notiert – meist mehrfach, bei allen geeigneten Schlagworten. Eine zusätzliche bibliografische Kartei sorgt für die einfache Zitierbarkeit von Notizen.

Als Ergebnis längerer Arbeit mit dieser Technik entsteht eine Art Zweitgedächtnis, ein Alter ego, mit dem man laufend kommunizieren kann. Es weist, darin dem eigenen Gedächtnis ähnlich, keine durchkonstruierte Gesamtordnung auf, auch keine Hierarchie und erst recht keine lineare Struktur wie ein Buch. Eben dadurch gewinnt es ein von seinem Autor unabhängiges Eigenleben. (N. L.)

Dieses Eigenleben ist von manchen Beobachtern als Intelligenz missverstanden worden. Es handelt sich jedoch eher um Emergenz: Durch das systematische Sammeln und Verknüpfen von Gedanken mit Stichworten entstehen neue Zusammenhänge, die in den ursprünglichen Gedanken gar nicht vorhanden waren und die vom Zettelkasten selbständig erzeugt werden. Er ist nun etwas Neues geworden: Eine Mannigfaltigkeit aus Verbindungen zwischen Gedanken, ein Zettelkasten, der mehr weiß als sein Benutzer.

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1949 betrat Arno Schmidt (18. 1. 1914 – 3. 7. 1979) die literarische Öffentlichkeit und begann, ein ebenso außerordentliches wie einzigartiges dichterisches Werk zu schaffen. Seine Prosa wirkt auf den ersten Blick unzugänglich und anstrengend. Doch wer sie vorurteilslos liest, wird reich belohnt: Von einer unwiderstehlich schöpferischen Literatur mit Verstand und Humor.

Vor allem in seinem Frühwerk – zum Beispiel in “Leviathan” oder später (und deutlich gereifter) in der “Gelehrtenrepublik” – zeigt sich eine Eigentümlichkeit: Der Text ist in mehr oder weniger kurze Kleinkapitel eingeteilt, die ein diskontinuierliches Erzählen mit räumlichen und zeitlichen Sprüngen ergeben. Der Leser blickt durch ein Guckloch auf rasch vorbeiziehende Ausschnitte aus einem Großenganzen.

Diese Schnitt-Technik setzt sich in der Mikrostruktur der Sätze fort. Selten gibt es Satzperioden, statt dessen stark verknappte Erzählkondensate, die durch Ballungen von Satzzeichen rhythmisiert werden. Vor allem die späten Texte sind mit einer Art literarischem Stop-Motion-Verfahren erzeugt. Sie lösen den Handlungsfluss in einzelne Sprachbilder auf und den Zeitablauf in eine Ansammlung von Gleichzeitigkeiten.

Seine schriftstellerische Entwicklung führte Arno Schmidt weg vom fortlaufendem Text und hin zu einer Collage aus Beschreibungen, Dialogen und Zitaten. Die Erzähltechnik und die zugehörige Aufschreibtechnik müssen in einem gewissen Maße übereinstimmen. Vor allem das Hintereinander und Nebeneinander kurzer Szenen ist mit linearem Schreiben nur schwer zu erreichen. Eine Vielzahl an Szenen erfordert eine Vielzahl an – Zetteln.

Das Bild des Dichters Arno Schmidt ist bestimmt von seinen Zettelkästen; mehr noch als von seiner Bibliothek mit entlegenen Werken aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Jeder Schmidt-Leser kennt das Foto: Arno Schmidt am Schreibtisch, mit strenger Hornbrille, die Lippen energisch aufeinander gepresst, vor einem Zettelkasten sitzend, die Unterarme auf die Kante des Tisches gestützt, und ernsten Blickes, mit der Pinzette in der Rechten, behutsam nach einem Zettel greifend – der Chirurg am offenen Leib des Romans.

Ein Schauspiel, gewiss. Mit seinen Selbstinszenierungen und statuarischen Auftritten hielt sich Arno Schmidt den Literaturbetrieb fern, um in Ruhe seine Zettelkastentechnik auszubauen. Die frühen Kästen sind Zigarrenschachteln, die anfangs nur für einige, dann aber zunehmend für alle Werke genutzt werden. Für die letzten Bücher, die faksimilierten Typoskripte “Zettel’s Traum”, “Die Schule der Atheisten”, “Abend mit Goldrand” und “Julia, oder die Gemälde” nutzte er die Zettelei vollendet.

Und trotzdem tastet die Hand schon wieder nach dem Zettelkasten – 2 Sorten stecken, notizbereit, darin: DIN A 9 (37,16 mal 52,56) und DIN A 8 (74,33 mal 52,56 Millimeter); und auch das ist wiederum nichts weniger als eine Pedanterie; sondern schlicht eine Frage der Erfahrung: es liegt am Temperament, wie lang die Stichwortreihe ist, deren man zur Notierung eines Eindrucks bedarf; und ein Zettelchen DIN A 8, hinten & vorn mit winziger Spitzschrift in Sigeln bekritzelt (hi! die vielen i=Zinken!) entspricht immerhin einer Buch=Viertelseite. (A. S.)

Die Zettel halten alle Einfälle und Fundsachen fest. Der Autor ordnet sie – getrennt durch Pappkärtchen – in Großkapitel an. Sodann schichtet er die Zettel noch und noch um, bis sich eine organische Struktur ergibt. Diese Anordnung schließlich ist der Rohling des erst beim Abtippen entstehenden Romans. Bei “Zettel’s Traum” sind es rund 120.000 Zettel, die Arno Schmidt in einem Monate währenden Arbeitsgang mit der Schreibmaschine zu einem Tausendseiter im Großformat DIN A3 umgestaltet.

Hier weiß der Zettelkasten nicht mehr als sein Besitzer. Der Autor bleibt während der ganzen Arbeit am Werk immer der Regisseur seiner Einfälle. Auch während der Abschrift entstehen neue Textpassagen – die Zettel sind nur Rohmaterial für das Werk. Die Zettelkästen des Arno Schmidt sind eher mit einem Traum zu vergleichen: Sie enthalten nur die Umrisse seiner Bücher, manches ist nur angedeutet, einiges im Detail zu erkennen, alles bedarf der Ergänzung durch das wache Gehirn des Autoren.

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