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Kurze Geschichte des deutschen Waldes

Eine ungefähr 6 Wochen alte Eiche

Niemand in diesem Teil Germaniens kann behaupten, bis an das Ende des Waldes gekommen zu sein, auch wenn er 60 Tagereisen vorgedrungen war. (Gaius Iulius Caesar, De Bello Gallico, VI, 25)

Obwohl sich das Land nach seiner Erscheinung beträchtlich unterscheidet, ist es doch im allgemeinen entweder mit schrecklichen Wäldern oder abscheulichen Sümpfen bedeckt. (Publius Cornelius Tacitus, Germania, 5)

Im letzten vorchristlichen Jahrhundert erstreckte sich über die Mittelgebirge östlich des Rheins und nördlich der Donau ein nemoraler Urwald mit einer großen Artenvielfalt. Er reichte in die nördlichen Ebenen hinein und bedeckte etwa drei Viertel des Landes. Durch die Vielzahl der Bäche und Flüsse waren zugleich große Flächen in den Tälern sumpfig.

Diese Wildnis wurde von den Römern Germanien genannt. Sie schützte die Bewohner der gering besiedelten Region letztlich vor Eroberung. Im Jahre 9 n. Chr. scheiterte die römische Politik, diese Gegend in das Imperium Romanum einzugliedern: Das im Unterschied zu Gallien unwirtliche Germanien lohnte die Eroberung nicht, wenn größerer Widerstand zu erwarten war.

Die Germanen lebten in den nördlichen Ebenen und in den wenigen geeigneten, waldfreien Bereichen der Täler. In geringem Maße rodeten sie selbst. So fanden sie ein Auskommen als Bauern und Handwerker. Zudem profitierten sie von der Nähe der Römer, denn sie trieben im Laufe der Jahrhunderte immer mehr Handel mit ihnen.

Aber im zweiten Jahrhundert nach Christus änderte sich die Situation: Das Klima kühlte ab und verkleinerte die Siedlungsregionen. Die Kälte verdrängte die Völker des Nordens nach und nach aus dem heutigen Skandinavien. Der Gotenzug führte im 3. und 4. Jahrhundert zu einem starken Migrationsdruck, dem die Germanen nach Westen und Süden auswichen. Ein Jahrhundert später vertrieben die weit reichenden Feldzüge der Hunnen die Menschen.

Der Wohlstand des römischen Reichs lockte viele Flüchtlinge an, doch die Völkerwanderung zerstörte die römische Zivilisation: Zuerst politisch, dann kulturell. Schließlich geriet die Landwirtschaft in die Krise. Dies ist gut erkennbar an den Kühen, Schweinen und Hühnern, die verzwergten und erst im frühen 20. Jahrhundert wieder die Größen der Römerzeit erreichten. Auch die Bevölkerungszahl in Germania, Belgica und Gallia sank. Die sprichwörtlichen dunklen Jahrhunderte mit nur wenigen archäologischen und schriftlichen Quellen begannen.

Erst um 800 gab es einen Umschwung: Binnen weniger Jahre stiegen die durchschnittlichen Temperaturen und eine bis etwa 1300 anhaltende Warmzeit begann. Sie verbesserte das Wachstum der Getreidepflanzen. Dies führte zu einem Anstieg der Bevölkerung, wie sich vor allem an den vielen neu gegründeten Städten zeigte.

Doch ein wachsendes Volk will versorgt werden. Also mussten die Menschen des Mittelalters mehr und mehr roden, um Anbauflächen zu gewinnen. Gleichzeitig wurden Brennholz, Möbel- und Bauholz, Holzkohle und Pottasche für die Glasherstellung und vieles mehr aus dem Wald gewonnen. Dem deutschen Wald tat diese Entwicklung nicht gut, er wurde stark zurückgedrängt. Gigantische Freiflächen wie die Lüneburger Heide zeigen bis heute die Folgen der Rodung.

Im 14. Jahrhunderte endete die Warmzeit und läutete eine bis ins 19. Jahrhundert reichende Krisenphase ein. Die Seuchenzüge der Pest reduzierten die Bevölkerung innerhalb einiger Jahrzehnte um mindestens ein Drittel. Die angesichts des unfassbaren Leids schockierten und um Erklärung ringenden Überlebenden suchten ihr Heil in der Religion. Hexenverfolgung und kirchliches Schisma waren die Folge.

Diese Zeit ist als Kleine Eiszeit bekannt. Die Durchschnittstemperaturen sanken derart, dass der Niederländer Pieter Breughel in seiner Heimat Schlittschuhläufer und Winterlandschaften malen konnte. Der deutsche Wald wurde zwar weiter abgeholzt und verheizt, aber wegen der sinkenden Bevölkerung konnte er sich gegenüber dem Mittelalter ein wenig erholen.

Die religiösen Konflikte hatte weitere Katastrophen zur Folge: Der Dreißigjährige Krieg, aber auch Hungersnöte und Seuchen als Kriegsfolgen entvölkerten und ruinierten weite Landstriche im Gebiet des Alten Reichs. Seit den plündernden und folternden Militärs dieser Zeit gibt es in der deutschen Sprache den Begriff “verheerend” für besonders katastrophale Schäden.

In den Jahrzehnten nach dem Krieg führte die langsam wieder wachsende Bevölkerung zu vermehrtem Abholzen und einer weithin spürbaren Holznot. Doch es war die Epoche der Aufklärung, das systematische Denken erfand die Nachhaltigkeit.

Ziel der Forstwirtschaft des 18. und 19. Jahrhunderts war eine Nutzung des Waldes als Holzlieferant bei Schonung des Bestands und gleichzeitiger Aufforstung bracher Flächen. Es war in erster Linie ein wirtschaftliches Prinzip, so dass nun mit schnell wachsenden Fichten in der Art von Plantagen aufgeforstet wurde – die Geburtsstunde des deutschen Nutzwaldes, wie wir ihn heute kennen.

Ironischerweise kam der jungen Forstwirtschaft und dem deutschen Wald die industrielle Revolution entgegen: Holz wurde zunehmend weniger als Heizmaterial benötigt, weder für den Hausbrand noch zur Verkohlung. Es wurde nach und nach durch Braunkohle und Steinkohle, später durch Erdgas und Mineralöl ersetzt.

Genau zu dieser Zeit, etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts, entstand die Mythologie des deutschen Waldes. Der Wald wurde nun nicht mehr nur als Nutzwald, sondern auch als Sehnsuchtsort angesprochen. Formen der Bürgerlichkeit wie das Wandern in frischer Waldluft, der Waldlehrpfad, der Sonntagsausflug und viele mehr haben hier ihren Ursprung.

Die Feinde des Waldes waren nun andere: Die an Arten armen, in Monokultur und monoton in Reih und Glied stehenden Holzlieferanten wurden von Schädlingen wie dem Borkenkäfer bedroht. Auch Stürmen, Feuersbrünsten oder schädlichen Umwelteinflüssen konnten sie nur wenig entgegensetzen. Diese Probleme führten seit dem späten 19. Jahrhundert immer wieder zu großen Epidemien und kulminierten Ende des 20. Jahrhunderts in einem chronischen Befall mit Baumkrankheiten – dem in medialer Übererregung so getauften Waldsterben.

Der deutsche Wald stirbt nicht, aber er wird sich wandeln. Wir stehen am Beginn einer Warmzeit, deren zeitliche Dauer und meteorologische Bandbreite noch unbekannt ist. Häufige Stürme und höhere Temperaturen könnten die schnell wachsenden, aber für Windwurf anfälligen Nadelwaldplantagen unwirtschaftlich machen. Doch Laubbäume wie Eichen lassen sich doppelt so lange Zeit und sind erst nach 120 bis 150 Jahren schlagreif.

Der Klimawandel wird den hiesigen Laubbaumarten höhere Regionen verfügbar machen, ihnen aber auch neue Konkurrenten aus dem Mittelmeerraum bringen. Eine junge Eiche aus diesem Jahr wird genau in die von uns Menschen gefürchtete Klimaentwicklung hineinwachsen, und sie wird vielleicht noch die darauf folgende Kaltzeit erleben. Die alte Femeiche in Raesfeld bei Borken kennt solche Klimawechsel bereits, sie wird auf 1.500 Jahre geschätzt.

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