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Aus dem Paralleluniversum

Die Spuren von Joachim Lottmann sind in Köln überall zu sehen. Tief eingegraben in die Ringe, das belgische und das Friesenviertel; die Fußstapfen eines Titans. Manche Viertel atmen noch heute den Geist des Erfinders, wenn nicht Entdeckers der Popliteratur. Carlo vom Cafe Schwan in der Aachener Strasse zeigt mir einen Sessel: abgeschabtes grünes Leder, blind gewordene Polsternägel, die Sitzfläche etwas ausgeleiert. Früher saß hier Joachim Lottmann.

“Hier hat er immer gesessen. Ehrlich, ich schwör’s.” Carlo schaut nickend in meine Richtung. “Ehrlich”, bekräftigt er noch einmal und erzählt mir, wie es damals war, in den Achtzigern. “Die Spex-Redaktion war direkt hier vorne, und diese ganzen Spexler, auch der Lottmann, sind hier immer frühstücken gewesen, die haben sich hier die deutsche Popkultur ausgedacht. Original hier.”

Carlo kann sich kaum beruhigen: “Also der Lottmann, der war ja immer am Schreiben. Der hat dauernd in so ein kleines Notizbuch geschrieben. Oder war das der Goetz? Also, eigentlich haben die alle immer irgendwas geschrieben. Ich durfte oft nicht mal die Deckel umknicken, nach dem Bezahlen, weil die da was drauf geschrieben hatten.”

Ich wende mich langsam von Carlo ab, der jetzt in Fahrt ist und längst in Richtung irgendeines jungen und beeindruckten Typen redet. Ich nicke kurz und gehe ein paar Meter weiter ins Seven-Up. Es ist zwar noch früh, aber wo sonst kann man in Ruhe nachdenken; das geht nur im Seven-Up vor dem großen Ansturm.

Joachim Lottmann. Das Seven-Up hat sich bis heute nicht von seinen Besuchen erholt und ich weiß noch genau, wie ich dort im hinteren Raum auf einem der alten Sessel hockte und ihn sah, den Erfinder, wenn nicht Eroberer der Popliteratur. Er stand mit Jule zusammen, einer ebenso hübschen wie militärisch kurzhaarigen Bedienung aus dem Terminal in der Zülpicher Strasse.

Als Jule mich entdeckte, winkte sie kurz rüber, schaute auf Joachim Lottmann und machte sich dann los. Hey, hallo, wie gehts, schön dich hier zu treffen, ja, auch schön, was machst du denn heute noch, ich muss rüber ins Terminal, ich hab Nachtschicht, achso, naja, da sehen wir uns ja noch, also dann, vielleicht bis später, ja, vielleicht.

Ich holte mir das vierte Kölsch und setze mich wieder an meinen Platz. Joachim Lottmann, der damals gerade an seinem ersten Roman schrieb, stand neben einem gleichzeitig ernst und freundlich aussehenden Mann. Ich beugte mich vorsichtig rüber und hörte genau zu:

So ein Roman sei eigentlich sehr leicht zu schreiben, wenn er ein paar Grundregeln berücksichtige. Eigentlich seien es nur vier Grundregeln, die seien aber strikt zu befolgen, weil er sonst niemals so etwas wie der Erfinder eines eigenen Subgenres werden würde, also zum Beispiel der Erfinder der Rockliteratur oder vielmehr der Popliteratur, weil Rock ja eigentlich zu schwergängig sei, wogegen Pop so etwas leichtes, lockeres habe, aber trotzdem intellektuell hochwertig sei, man denke da nur an Warhol.

Diese vier Grundregeln seien im übrigen sehr einfach zu befolgen, er könne sie jetzt problemlos auswendig lernen. Die erste Regel sei Affirmation, er solle sich das gut merken. Diese Regel sei ganz leicht umzusetzen, er müsse das Beschriebene nur, was immer es sei, als außerordentlich wertvoll darstellen, mit ausreichend Superlativen zum Beispiel.

Anschließend komme direkt die zweite Regel zum Tragen: Hyperbolik sei jetzt angesagt. Er solle einfach, um die Außerordentlichkeit des Beschriebenen zu verdeutlichen, über das Glaubwürdige hinaus übertreiben. Wichtig sei auch die dritte Regel des Dichtung/Wahrheit-Mashup, bei dem Wirkliches und Erfundenes vollkommen unübersichtlich und untrennbar verquickt werde, so dass das Ausgedachte so klinge wie das Wahre – oder umgekehrt.

Die vierte und letzte Regel sei eigentlich ebenso wie die dritte ein einfacher Trick: In einer Art von Narrarumfluktuation lasse er aus dem Nichts Handlungsstränge, Hauptfiguren etc. entstehen, und lasse dann, nach einiger Zeit, also nach etwas Erzählzeit, diese quantenphysikalisch herausgepoppten Erzähluniversen rückstandsfrei wieder in sich zusammenfallen.

An diesem Punkt von Lottmanns Erzählungen beschloss ich, mich anderen Dingen zu widmen, stand auf, bezahlte und ging ins Terminal. Jule kam herbei. Ein selbstbewußter Blick aus grauen Augen, ein angedeutetes Lächeln. Der tätowierte Salamander kroch ihren Hals hoch. Dann ging ich einen Schritt auf sie zu.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Joachim Lottmann, Die Jugend von heute.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2004. 319 Seiten, 8,90 EUR.
ISBN 346203426X

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