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Ist doch so, oder?

Bald ist wieder Bachmannpreiszeit. Der Bachmannpreis ist die Gladiatur des Dichters. Er sitzt da und kämpft. Er liest einen Text. Neu muss der Text sein, und er muss bachmannpreiswürdig sein. Das es möglich ist, in Klagenfurt mit Managementstrategien zu gewinnen, hat die Preisträgerin des letzten Jahres gezeigt. Unique Selling Point. Quality Management. Return On Investment. Hat man eigentlich wieder etwas von ihr gehört, literarisch, meine ich? Der große Zeitroman? Budenbrooks unter Mitte-Hipstern mit butterweichen Geschäftsmodellen?

Es waren nur drei Häuser. Drei Stockwerke hoch, drei Eingänge breit. Das Compton von Wermelskirchen-Tente. Straight outta Herrlinghausen. Um 1970 hatte ein schlauer Investor drei Mietshäuser gebaut, genau gegenüber dem Hauptarbeitgeber der Gegend. Klaus wohnte dort, zusammen mit seinem Bruder Axel. Klaus war der kleinste in unserer Klasse, mit Abstand. Wir waren mal eine Zeit lang befreundet. Ich war auch ein Außenseiter, ich habe Bücher gelesen.

Die literarische Langstrecke. Die meisten jüngeren Autoren bleiben unter 200 Seiten. Das heißt heute Kurzroman, ist aber eigentlich eine Weiterentwicklung der Novelle des 19. Jahrhunderts: Konzentration auf wenige Protagonisten, einlinige Handlungsführung ohne Nebenerzählungen, oft ein ungewöhnliches Ereignis als Auslöser, Zuspitzung auf einen einzigen Konflikt, gerne in der ersten Person.

Das kleine Postamt neben dem Bahnhof. Es war ganz vom Hauptarbeitgeber und ein paar anderen Betrieben abhängig. Ich habe dort als Azubi gearbeitet. Jeden Tag um fünf Uhr nachmittags kamen die grauen Lieferwagen mit den Paketen. Am Monatsende ging es immer rund, viele Heimatüberweisungen der Gastarbeiter. Einmal haben wir den Geldtransporter schon für mittags bestellt. Als nach und nach immer mehr Firmen pleite gingen, haben die das Postamt einfach zu gemacht.

Schwieriger Realismus. Schon die Sprechweise eines Menschen ist kaum “realistisch” niederzuschreiben. Das einfache Mitnotieren oder gar Aufzeichnen der Wirklichkeit erzeugt krauses Gerede ohne Sinn und ohne Form. Ein Text aus einer Mitschrift ergäbe einen hohlen Naturalismus, der seinen Stoff nicht mehr als eine formbare, knetbare Masse auffasst. Clemens Meyer beherrscht die Kunst, echtes Sprechen in Literatur zu verwandeln.

Die Bahnlinie ist schon länger weg. Als Kind hab ich Groschen auf die Schiene gelegt und die platten Dinger anschließend rumgezeigt. Ein paar Jahre später bin ich montags immer mit dem Zug nach Düsseldorf zur Berufsschule gefahren. In die Karlstrasse, dritter Stock, Postbankdienste bei Simbabwe. So haben wir den Typen genannt, weil er immer krude Beispiele mit einem Minipostamt in Simbabwe gebracht hat. War vor kurzem noch mal da. Sieht aus wie damals, steht aber leer. Gibt ja auch kaum noch echte Postler.

Ein Epos ist eine lange Erzählung in gebundener Sprache. Das Buch ist als Epos bezeichnet worden, wohl vor allem, weil es ungefähr 500 Seiten hat. Doch es ist wirklich ein wenig wie die Geschichte von Gilgamesch und Enkidu. Freunde respektieren sich, auch wenn sie mal Mist bauen. Freunde helfen sich. Für einen sterbenden Freund geht man los, um das Elixier des Lebens zu finden. Das hätten die Leipziger bestimmt gemacht. So ein Epos ist bloß eine Geschichte. Die stärkste Geschichte ist eine, die einen über 500 Seiten nicht loslässt.

Er wollte weiter springen als wir alle. Der Rodelberg, da haben wir ‘ne Schanze gebaut. Willst du mal mitspringen? Du, glaub’s mir, der hat es denen vom Döllersweg gezeigt. Der ist da bestimmt mit 50 Sachen um die Ecke und dann konnte er nicht mehr geradeaus lenken und ist in den Zaun gebrettert. Der ist bekloppt, zwei Schlitten hat er schon kaputt gemacht. Bekloppt! Ist doch so, oder? Aber er ist irre weit geflogen. Meinst du, du kommst weiter? Bestimmt nicht, glaub ich nicht, dass du weiter kommst. Da bist du nicht gut genug für.

In Klagenfurt verlieren. Die Preisträgerin hat auch den Publikumspreis abgeräumt. Ich habe für Clemens Meyer gestimmt. Und zwar nur einmal. Exakt – wirklich – genau – nur – einmal. Kein Scheiß. Ich betrüge bei so was nicht. Ich nehme das ernst. Ich hasse Mogeleien. Ich habe da meine Ehre. Ich habe mal bei der Wahl zum Jahrgangstufensprecher für meinen Gegner gestimmt; einen blonden Burschen, der JU-Mitglied war. Habe trotzdem gewonnen. Hätte es nicht anders haben wollen.

Die Echokammer des Ich. Nur wirklich gute Bücher erzeugen eine Assoziationswolke, ein Halo aus Erinnerungen, sekundenkurzen Rückblenden und dem Gefühl, wieder dort zu sein. Es ist lange her, aber es ist wieder da. Die Art zu reden. Dieses Aufschneiden. Nichts zugeben, nichts bereuen, nichts entschuldigen. Das ist einfach eine Geschichte. Sie ist in der Gegenwart der letzten 30 Jahre angesiedelt. Es ist unsere Geschichte. Einfach ein gutes Buch, mehr nicht.

Vorstadt ist Vorstadt. Tente ist die Vorstadt von Wermelskirchen. Und Herrlinghausen ist die Vorstadt von Tente. Doch was ist die Vorstadt von Herrlinghausen? Dämliche Frage, aber wenn man was getrunken hat, ist sie ganz logisch. Das ist wie die Sache mit der Atomtheorie: Es gibt immer was Kleines im Großen. Und wo zum Teufel liegt Leipzig-Ost?

Clemens Meyer, Als wir träumten. Roman.
Fischer, Frankfurt 2006. 524 Seiten, EUR 19,90.
ISBN 3100486005

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