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Gartenmöbel werden umgeworfen

keine luftbewegung
rauch
steigt
senkrecht
empor
kaum merklich
rauch treibt
leicht ab
windflügel & windfahnen
unbewegt
blätter rascheln
wind im gesicht
spürbar

Drei irreguläre Haikus aus einem Zyklus über den Wind? Nein, das modern wirkende Gedicht ist eine leicht verfremdete und anders umbrochene, aber wörtliche Wiedergabe der ersten drei Stufen der Beaufortskala der Windstärken. Sie liest sich wie ein Naturgedicht. Doch sie ist mehr; eine Art Lyrik, von der Natur selbst geschrieben.

Die Beaufortskala ist das Ergebnis einer jahrhunderte dauernden, auf Erfahrung basierenden Auseinandersetzung mit den Kräften der Atmosphäre. Sie ist keine mathematisch normierte, nur über den Umweg eines Instruments messbare und lesbare Festlegung.

Sie ist ein phänomenologisches Analyseschema, das durch genaues, aufmerksames Beobachten der Wirklichkeit gewonnen wurde. Zugleich kann die Skala nur durch genaues, aufmerksames Beobachten der Wirklichkeit angewandt werden. Sie hilft einem guten Beobachter, die Stärke des Windes an den Ereignissen in seiner Umgebung abzulesen.

Zum Beispiel Francis Beaufort (1774-1857). Als Fünfzehnjähriger verließ er England und fuhr zur See. Er wurde in Gefechten mit Feinden und Piraten verwundet, stieg zum Commander auf und schließlich zum leitenden Vermessungsingenieur der britischen Admiralität.

Seine Profession war die genaue Beobachtung, das Reisen und Entdecken, das Umherwandern und Schauen, das Aufzeichnen und Abbilden. So beobachte er auch den Wind und seine Wirkungen an Land und auf See. Er gilt als Erfinder der Skala, die deshalb nach ihm benannt wurde. Doch das stimmt nicht ganz. Er war nichts weiter als ein Riese auf den Schultern von Riesen.

Die Grundlage der Windstärkenskala ist die Beobachtung, das bestimmte Windstärken ähnliche Auswirkungen haben. So ist zum Beispiel eine recht kräftige Brise nötig, um größere Zweige von Bäumen zu bewegen. Ein schwächerer Wind schafft dies nicht, bei einem noch stärkeren Wind bewegen sich sogar große Äste. Schon früh setzten die Versuche ein, solche Beobachtungen zu vereinheitlichen und damit ein Schema zu bilden.

Beaufort hatte die von anderen geschaffenen Fundamente systematisch ausgebaut und die aus verschiedenen Vorläuferstadien verknüpfte Skala erfolgreich auf seinen Reisen eingesetzt. Während seiner Amtszeit als Vermessungsingenieur setzte sie sich durch und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in der aktuell überlieferten Form definiert. Es gab seitdem nur wenige Änderungen, unter anderem die Aufnahme der Formulierungen “Gartenmöbel werden umgeworfen” und “Gartenmöbel werden weggeweht”, die veränderte kulturelle Praktiken widerspiegeln.

Scott Huler hat die Geschichte von Sir Francis Beaufort, seiner Vorläufer und ihrer Windstärkenskala zu einem hochinteressanten und leicht lesbaren Sachbuch verarbeitet.

Scott Huler: Die Sprache des Windes.
Wie ein Admiral aus dem 19. Jahrhundert Wissenschaft in Poesie verwandelte.
Mare Verlag 2009. 368 S., 23,- EUR
ISBN 3866481144

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