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Eine edle Mumie

Etwas entfernt vom Merkur – links davon – sehe ich weitere Regalböden, von Paperbacks in bunten Farben überquellend. Ich habe sie platzsparend in zwei Reihen hintereinander gestellt. Von der Nummer 65 (“Der große Bruch – Revolte 81″) bis Nummer 160 (“Die neuen Rituale”) sind es ziemlich genau ein Meter und siebzig Zentimeter. So lang ist diese “edle Mumie”, wie die FAS (“Fass!”) die ehemals paradigmatische Alt68er-Zeitschrift “Kursbuch” bezeichnet hat.

1965 von Hans Magnus Enzensberger im Suhrkamp Verlag gegründet, sind vor allem die ersten zwei Dutzend Ausgaben ein Geschichtsdokument aus einer Zeit, in der die Revolution um die Ecke zu liegen schien. In den 70er Jahren verlegte sich die Redaktion auf gründlichere Zeitdiagnostik. Viermal im Jahr erschien ein scharfsinnig zusammengestelltes Themenheft mit klugen und gut geschriebenen Aufsätzen und Reportage-Essays, die bissig-ironische Gesellschaftskritik betrieben.

Meine erste Ausgabe habe ich ich mir wegen des Themas gekauft, der Name der Zeitschrift sagte mir damals nichts. Ich war zu dieser Zeit Wehrdienstverweigerer, Ostermarschierer und Friedensdemonstrant. Der heiße Sommer 1981 hatte mich mit seinen Gewaltausbrüchen (Startbahn West, Hausbesetzerkrawalle) nachdenklich gemacht. Ich fand die Gewalt verständlich, aber abstoßend.

Was suchte ich damals im Kursbuch? Orientierung? Gedankliche Klärung?

Interessant fand und finde ich vor allem die Haltung der Autoren, die ihr Thema weder spektakulär vereinfacht noch akademisch aufgeblasen darstellen. Dabei werden wirtschafts- und naturwissenschaftliche Themen in derselben geistigen Höhe wie die kultur- und sozialwissenschaftlichen Fragen verhandelt. Die Autoren gehen eigenwillig an ihre Themen heran und halten eine ironische Distanz. Im besten Fall wird diese sachliche Zurückhaltung zu intellektueller Coolness, die sich von den Aufgeregtheiten einer Feuilletondebatte nicht beeindrucken lässt.

Seit einiger Zeit wird das Kursbuch vom Zeitverlag herausgegeben. Die meisten Essays sind mir inzwischen etwas zu staatstragend und etwas zu wenig wagemutig. Doch auch in den neuen Ausgaben finde ich immer wieder brilliante Texte, zum Beispiel im aktuellen Heft die Afghanistan-Reportage von Navid Kermani. Oder in Heft 165 “Der verletzliche Mensch” von Sven Hillenkamp, ein wild-surreales Trommelfeuer aus Fragen, die sich über die Kopfzeilen aller 175 Seiten der Ausgabe hinziehen:

Sind viele Dinge, die Sie besitzen, nicht zu ersetzen? Haben Sie schon einmal ein Selbsthilfebuch gelesen? Waren Sie schon einmal in einer Selbsthilfegruppe? Hat es geholfen? Haben Sie ein regelmäßiges Einkommen? Gelten Sie als kreditwürdig? Kennen Sie Menschen, die Gliedmaßen verloren haben? Haben Sie das, was zum Verlust geführt hat, auch schon getan? Würden Sie sagen, dass Sie noch Sie selbst wären, wenn ein Teil Ihres Körpers verschwände?

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