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Wagnis und Charakter

Diese Männer bedürfen keines Extremsports. Sie können Grenzen ausloten, Räume erobern und neue Wege beschreiten. Sie sind Entdecker und Eroberer. Robert Edwin Peary (1856-1920) bereiste in großen Expeditionen Grönland und die Arktis. Frederick Albert Cook (1865-1940) war Expeditionsarzt auf Entdeckungsreisen nach Grönland, die Arktis und Antarktis und bestieg den Mount McKinley in Alaska.

Beide gaben an, den Nordpol erobert zu haben — Cook am 21. April 1908, Peary am 6. April 1909. Das Buch über diese beiden Männer legt den Schwerpunkt aber nicht auf das Entdecken und Erobern, sondern — ganz wie es unserer  antiheldischen Gegenwart entspricht — auf den  Charakter der Personen und seine Folgen für ihr Leben. Es handelt sich hier um die Geschichte eines brennenden, süchtig machenden Ehrgeizes.

Der Untertitel des Buches zeigt es schon: Der Autor ist parteiisch und schlägt sich auf die Seite von Cook. Er ist hier beinahe eine Lichtgestalt, die sich wirklich für die Kultur der Inuit interessiert und deren Sprache lernt. Peary dagegen ist ein zynisches Arschloch, der eine Eskimofrau schwängert und sich dann weder um die Frau noch um die Kinder kümmert. Cooks Ehrgeiz wirkt charmant und lausbubenhaft, während Peary als Über-Egomane ohne Über-Ich erscheint.

Es war wohl wirklich so:  Cook war der Außenseiter, der sich gerne als Ethnologe und Entdecker auf den Spuren der Reisenden des 17. und 18. Jahrhunderts sah. Peary dagegen hatte die Situation besser verstanden; es ging nur um den Erfolg, um nichts anderes. Und wenn einem jemand anderes den Erfolg streitig machen will, muss man mit einer Medienkampagne reagieren. Heute geht man davon aus, dass weder Cook noch Peary den Nordpol erreicht haben; dass Cook aber tatsächlich bis weit in den Norden hinauf kam, Peary hingegen nicht.

Beide wollten aber genau diese Eroberung erzwingen, um beinahe jeden Preis. Damals gab es nicht mehr viel zu erobern und zu entdecken. Wer etwas erreichen will und nicht kann — von den Umständen, durch den Zufall daran gehindert — der ist leicht in Versuchung zu mogeln. Cook zum Beispiel war vielleicht nie auf dem Mount McKinley, denn das Gipfelfoto zeigt eine andere Bergspitze. Doch möglicherweise wollte er auch bloß die Medien bedienen. Sie waren schon vor hundert Jahren eine allesfressende Aufmerksamkeitsmaschine. Wenn das echte Foto nichts geworden ist, dann schießt man eben ein anderes — Hauptsache, die Schlagzeile stimmt und der Ruhm kommt.

Peary wusste dies genau und nutzte diese Episode, um Cooks Glaubwürdigkeit zu erschüttern. Und es wirkte. Erst heute, 100 Jahre später, ist deutlich, dass es sich um eine tragische Geschichte handelt. Cook und Peary setzten ihr Leben und das ihrer Mitstreiter aufs Spiel. Doch am Ende, kurz vor dem Nordpol, gingen sie alleine, nur begleitet von Inuit in Richtung Ziel. Um den Ruhm nicht teilen zu müssen? Um nicht kontrolliert zu werden? Den Inuit bedeutete der Sieg nichts. Für Cook und Peary aber war er alles.  Ruhm, Erfolg, Aufmerksamkeit und natürlich Reichtum.

Johannes Zeilinger: Auf brüchigem Eis.
Frederick A. Cook und die Eroberung des Nordpols.
Matthes & Seitz 2009. 352 S., 26,90 EUR
ISBN 3882217464

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