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Lanzelot reitet weiter

“Schau, da drüben! Es ist Lanzelot!”
“Er reitet und reitet…”
“Wie schnell er ist!”
“Als werde er von einem Dämon getrieben!”
“Die prächtigen Muskeln seines Pferdes bewegen sich rhythmisch unter dem durchnässten Fell von selbigem!”
“Bei Gott, er ist in ungeheurer Eile!”

Das Leben ist nicht leicht für Ritter Lanzelot. König Artus regiert souverän im soundsovielhundertsten Jahr seiner Herrschaft. Er und die Großen der Tafelrunde fechten im 2. Weltkrieg gegen die Nazis. Außerdem müssen ein paar alte Erzfeinde besiegt werden. Doch Lanzelot erkrankt an der Melancholie des Helden. Beim Pausenpicknick zwischen zweimal Hauen und Stechen klagt er dem Schwarzen Ritter die Probleme seines Berufs.

“Ich verbringe mein ganzes Leben damit, auf etwas draufzuhauen”, sagte Lanzelot. “Ist das die beste Lebensweise?”

Vielleicht nicht, aber der Bericht über diesen Ritter und seinen Herrn Artus ist sehr vergnüglich geraten. “Der König” von Donald Barthelme ist das komischste Buch, das ich in den letzten Jahren gelesen habe. Der extrem beschleunigte (und in ein ebenso atemloses wie geschmeidiges Deutsch übertragene) Stil setzt fast ausnahmslos auf groteske Dialoge, die eine rasch vorwärtsstürmende Handlung entfalten.

Trotz des verschrobenen Humors: Die bissig-satirische Oberfläche ist verdüstert, denn Artus denkt wehmütig an die Zeiten zurück, als die Leute noch ritterlich waren. Damals war manches einfacher, doch der König kann einer Entscheidung nicht ausweichen. Der Zufall hat ihm die Atombombe in die Hände gegeben, und er erweist sich als Mann von gestern:

“Ich habe auf einen Vorteil verzichtet. Es wäre ein wunderbarer Vorteil für unsere Seite gewesen. Ich habe nein gesagt. Weil ich es für unmoralisch hielt.”

Donald Barthelme ist der Erfinder dieser neuen, aber nicht modernen Artus-Geschichte. Sie ist im besten Sinne postmodern, denn sie unterläuft die Geschichte des 20. Jahrhunderts mit den Mitteln der Groteske. Es fällt mir schwer, dieses letzte Werk von Barthelme nicht als eine Art Testament zu sehen. Der Autor hatte nur wenig Zeit für das Buch. Es ist kurz nach seinem Tod 1989 erschienen, und er wird es wohl im Sturmlauf geschrieben haben, dem Tod immer eine Nasenlänge voraus. So ist es rasend schnell geworden, umwerfend komisch und ein kleines bißchen traurig.

“Ich verliere ihn aus dem Blick, seine Gestalt schrumpft und schwindet!”
“Ich kann ihn noch sehen, immer kleiner und kleiner in weiter Entfernung!”
“Er reitet und reitet …”

Donald Barthelme, Der König.
Aus dem Amerikanischen von Maximilian Schäfer.
Urs Engeler Editor; Basel 2006. 160 Seiten. EUR 17.-
ISBN 3938767073

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