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Unendliche Freude

Die Monster der Weltliteratur enthalten in ihren Titeln oft einen ironischen Wink für den Leser. “Fluss ohne Ufer” von Hanns Henny Jahnn? Dort bin ich nach gut elfhundert Seiten abgesoffen, ohne Land in Sicht. “Zettel’s Traum” von Arno Schmidt? Der Versuch, mehr als ein paar Seiten zu dechiffrieren, verschaffte mir Albträume.  “Dessen Sprache du nicht verstehst” von Marianne Fritz? Die Erinnerung an das mühsame Entziffern einer Sprache, die nicht von dieser Welt stammt.

Es sind alles Gebirgsmassive eines Kunstwillens, der zu eigentlich vollkommen unlesbaren Büchern führt — jedenfalls, was uns normalsterbliche Leser angeht. Umberto Eco hat einmal gesagt, dass “Finnegans Wake ” von James Joyce einen idealen Leser mit einer idealen Schlaflosigkeit erfordert. Ähnlich geht es den Lesern von “The Making of Americans” von Gertrude Stein, dessen Monotonie und Monomanie nur von einem vollkommen bedürfnislosen Leser auszuhalten sind.

Welcher Leser bewältigt das neueste Massiv der Literatur, “Unendlicher Spaß” (Infinete Jest) von David Foster Wallace? Der Übersetzer Ulrich Blumenbach hat es nicht nur bewältigt, sondern sogar in ein interessantes und elastisches Deutsch übertragen; vorausgesetzt, die wenigen, neugierig von mir angelesen Seiten sind repräsentativ für die restlichen 1600.

Ich werde das Buch wohl vorläufig nicht lesen, denn ich habe ja auch noch DFWs Debütroman “Der Besen im System” (The Broom of the System) vor mir. Als er ultrapreiswert im Modernen Antiquariat angeboten wurde, konnte ich nicht daran vorbei gehen; ebensowenig wie an “Unendlicher Spaß”, das ich im Grunde nur gekauft habe, um das buchbinderische Wunder eines 1600-Seiters mit Dünndruckpapier und Fadenbindung in den eigenen Händen halten zu dürfen — und um auch dieses literarische Monster zu besitzen, denn es fehlte mir noch in der Sammlung, und es hat jetzt einen Ehrenplatz irgendwo nach Wake und Zettel.

Wirklich geliebt habe ich die Kurzgeschichten aus den ersten beiden Erzählbänden mit den genial-schrulligen Titeln “Kleines Mädchen mit komischen Haaren” und “Kurze Interviews mit fiesen Männern”. Allerdings halte ich nicht alle der in diesen beiden Bänden abgedruckten Stories für wirklich gut. Ich finde DFW dort am besten, wo er wie in den titelgebenden Stories schräge Geschichten runterrappt, ohne konzeptionellen Ballast, ohne sich groß an literarische Konventionen zu halten — Geschichten ohne rechten Beginn, mit haltloser Mitte und einem haarsträubenden, im ungefähren und chaotischen auslaufenden Schluss — also grandioses Zeug für echte Freaks.

Ich habe den Eindruck, so ließe sich auch Infinite Jest beschreiben.

David Foster Wallace
Unendlicher Spaß – Infinite Jest. Roman
Übersetzt von Ulrich Blumenbach
Köln: Kiepenheuer & Witsch 2009
1648 Seiten, EUR 39,95

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