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Im freien Fall

Erinnerungen beginnen meist auf der Wende vom zweiten zum dritten Lebensjahr. Sind sie zunächst nur einzelne Schlaglichter, so verdichten sich die von jähen Schnitten unterbrochenen Kurzfilme über die Zeit zu einem kontinuierlichen Strom aus Bildern und Klängen. Die frühen Erinnerungen sind fragmentarisch und anekdotisch; oft ist es kaum möglich, zwischen nachträglich durch Erzählungen eingefügten Geschichten und dem Erlebten zu unterscheiden.

Eine Erinnerung jedoch ist mir nie aus dem Kopf gegangen: Als Dreijähriger sprang ich einmal die Steintreppe mit den drei Stufen herunter, die die Terrasse am hinteren Teil des Elternhauses mit dem kleinen Garten verband. Links und rechts der Stufen sah ich schmale Beete mit intensiv gelben Blumen und unten, in leicht gebückter Haltung, sie, die Arme ausbreitend.

Hier endet der Erinnerungssplitter, und hier enden auch meine Sprungträume, die, wenn mein Körper, im Dämmer des Einschlafens, sich entspannt, die Glieder zucken lassen, so dass ich springe, und ich bin im freien Fall und sehe die gelben Blumen und schlafe tief und fest, und ich falle nicht mehr.

(2004)

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