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Die paradoxe Situation der Gegenwart (1)

Die Straße vor meiner Wohnung ist eine Metapher für unsere Gegenwart: Sie ist bis ins Letzte überreguliert, so dass sie Verkehr weniger ermöglicht als verhindert.

Sie gehört zu den Wohnstraßen, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ausgebaut wurden. In ihrer Breite erinnert sie eher an Berlin als an das mittelalterlich enge Köln. In der Mitte teilt sie ein breiter Erdstreifen mit zwei Baumreihen. Dies war seinerzeit ein Spazierweg, um den Schatten der Bäume zu genießen. Heute parken hier die Autos der Anwohner, so dass es mit dem Flanieren Essig ist. Statt dessen ist gemächliches Gehen in Abschnitten von rund 30 Metern gefordert – von Einmündung zu Einmündung.

Die Straße ist diagonal über ein rechteckiges Straßengitter gelegt, so dass meist je zwei Straßen in breiten Einmündungsbereichen senkrecht und im spitzen Winkel auf sie treffen. Der moderne Flaneur muss dort, einer geheimen Logik folgend, je zwei Ampelanlagen bewältigen, die zudem noch alternierende Schaltungen haben. Der Weg zum Kiosk hat kaum hundert Meter, dauert aber – zumindest für den gesetzestreuen Bürger – einige Minuten. Dafür öffnet einem der freundliche Herr im Kiosk auch eine Flasche Bier, die die Wartezeit beim Rückweg verkürzt.

Dieses Pausenvergnügen darf sich ein Autofahrer nicht leisten, auch wenn er es doppelt verdient hätte: Obwohl die ganze Straße nicht einmal einen Kilometer lang ist, dauert die Fahrt in der Stoßzeit nach 15 Uhr gut zehn Minuten. Dafür sorgt schon das halbe Dutzend Ampeln – nicht eingerechnet die erbärmlichen, nichtswürdigen, hoch verächtlichen Volltrottel, die im Trödeltempo gerade noch die grüne Welle einhalten, aber den Hintermann zum Ampelhalt zwingen.

Es wäre leicht möglich, diese Überregulierung zu beheben – zum Beispiel durch das versuchsweise Ausschalten der Ampeln, um herauszufinden, wo “rechts vor links” ausreicht. Auch die Schaltungen der Fußgängerampeln könnten leicht harmonisiert werden, so dass sie gleichzeitig grün zeigen. Die Konsequenz ist klar: die Fußgänger ignorieren die Ampeln; die Autofahrer träumen davon, dies zu tun.

Ins Allgemeine gewendet: Regeln sollen Probleme vermeiden – hier zum Beispiel Unfälle. Überregulierung verwandelt nützliche Regeln in lästige Hindernisse, so dass die Regeln oft ignoriert werden. Dadurch entsteht aber womöglich wieder Regelungsbedarf, der die Überregulierung und in der Folge die Regelignoranz verstärkt – bis zum allerfröhlichsten Anarchismus, in dem ein steter Strom der Gesetze nur noch den Hohn und die Missachtung der Bürger auslöst.

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