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Der letzte Triumph

Im Laufe des Jahres 310 n. Chr. gelingt es Marcus Aurelius Valerius Maxentius, einen der fünf weiteren Kaiser, die ihm die 306 von den Prätorianern verliehene Kaiserwürde streitig machen, in einer Militäraktion zu vernichten. Sein Prätorianerpräfekt Volusianus erobert die Provinz Africa und erwürgt den Usurpator Lucius Domitius Alexander. Doch die politische Lage ist auch weiterhin verworren. Offiziell besteht die von Diokletian eingeführte Tetrarchie aus zwei Augusti und zwei Caesares noch, wenn auch zwei weitere Kaiser Teile des Imperiums an sich gerissen haben. Maxentius ist einer davon. Er ist der Sohn des 308 verstorbenen Tetrarchen Maximian und leitet daraus ein Regierungsrecht ab. Africa gehörte zu seinem Herrschaftsbereich, bevor es Domitius Alexander usurpierte. Doch mit seinem Tod ist die Krise beendet, und Rom wird wieder mit Getreide aus dem reichen und fruchtbaren Nordafrika beliefert. Maxentius kann nun seinen ersten Triumph feiern.

Der Triumph des Maxentius orientiert sich an den überkommenen Gepflogenheiten des Prinzipats. Die Prozession beginnt am Marsfeld, führt an jubelnden Römern vorbei durch die Stadt zum Capitol, wo der Triumphator dem Jupiter ein Opfer darbringt. Es führen Senatoren und Magistrate, darauf folgen Darstellungen der militärischen Heldentaten, anschließend die gefesselten Gefangenen, Wagen mit der Beute, den eroberten Feldzeichen, Waffen und Kunstwerken; schließlich der Triumphator, stehend auf einem von vier Schimmeln gezogenen Wagen, gekleidet in ein goldbesticktes Purpurgewand, den Lorbeerkranz auf dem Haupt tragend und das Adlerzepter in der Rechten, seinen Legionen voraus fahrend. Entsprechend der Tradition steht hinter ihm ein Sklave, der die Jupiterkrone hält und beständig die Formel “Respice post te, hominem te esse memento” wiederholt.

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Allein ein Gott kann einem Angreifer wie Flavius Valerius Constantinus, genannt Konstantin, widerstehen. Er nennt kampferprobte und rücksichtlose Truppen sein eigen, und er gibt an, mit dem einzigen Gott verbündet zu sein. An der vorwiegend in der Unterschicht und bei den Provinzialen verbreiteten Christus-Religion fasziniert ihn die innere Geschlossenheit und die straffe Organisation. Er erwägt, sie zur geistigen Ordnungsmacht des Imperiums zu erheben. Vor den Toren von Rom beschließt er – propagandistisch stilisiert aufgrund der Vision eines Kreuzes mit der Inschrift “In diesem Zeichen wirst Du siegen” – das Christus-Symbol zu seinem Feldzeichen zu ernennen.

Am 28. Oktober 312 besiegt Konstantin die numerisch weit überlegenen Truppen des Maxentius. Die Entscheidungsschlacht an der zum Schutz des Stadtgebiets zerstörten Milvischen Brücke dauert nur wenige Stunden. Der überlegene Stratege Konstantin umgeht die Truppen des Gegners und verwickelt sie in eine Kesselschlacht. Die verlierenden stadtrömischen Soldaten geraten in Panik, so dass einzelne Truppenteile zum Sieger überlaufen. Maxentius und seine Leibgarde versuchen den Rückzug auf die rettende Seite des Tiber, doch in den Wirren zerbricht die Pontonbrücke und Maxentius ertrinkt.

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Der erste Triumph des Maxentius ist der letzte Triumph nach altreligiösem Ritus in Rom. Kaiser Konstantin erhebt die Christus-Religion trotz ihrer geringen Verbreitung in der imperialen Oberschicht zu einer offiziell erlaubten Religion. Die meisten seiner Nachfolger fördern die Christus-Religion sehr stark. Altreligiöse Riten und Feiern kommen in den nächsten Jahrzehnten aus der Mode oder werden verboten. Im ganzen Imperium werden nach und nach die Tempel geschlossen oder zerstört.

Maxentius ist auch der letzte Kaiser von Rom, denn Konstantin verlegt die Hauptstadt des Reiches in den prosperierenden Osten. Er lässt das verkehrsgünstig gelegene Byzanz zu seiner Residenz ausbauen und gibt ihm den Namen Konstantinopel. Diese Stadt wird das zweite Rom genannt und beherbergt noch mehr als tausend Jahre die Herrscher eines Reiches, das einige der östlichen Provinzen des ehemaligen Imperium Romanum umfasst. Anschließend wird Konstantinopel zur Metropole des Osmanischen Reiches, das über ein halbes Jahrtausend besteht und dessen Reste 1918 in Einzelstaaten zerbrechen.

Der westliche Teil des Imperiums fällt an verschiedene Nachfolgemonarchien, von denen nur wenige länger als ein Jahrhundert halten. In einem mehr als 1.500 Jahre dauernden Prozess verwandelt sich der Westen zu der Staatengruppe, die als das moderne Europa bekannt ist. Die Stadt Rom schließlich wird die Residenz des Oberhaupts der katholischen Kirche, und das ist sie heute noch.

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Der Sieger zeichnet das Bild des Verlierers. Die konstantinische Propaganda nennt Maxentius einen Tyrannen. Ihm wird jede Untat zugeschrieben, die für einen schlechten Leumund sorgt. Ein genauer Blick auf die Herrschaft des Maxentius zeigt aber: Er ist kein schlechter Kaiser. In einer außenpolitisch und militärisch unübersichtlichen Lage gelingt es ihm, seinen Herrschaftsbereich zu sichern. Er kann seine Konkurrenten lange Zeit auf Abstand halten. Er beendet die Christenverfolgung und wirbt für religiöse Toleranz. In Rom verwirklicht er ein Bauprogramm, zu dem neben einem Circus vor allem die Maxentiusbasilika gehört.

100 Meter lang, 70 Meter breit, 48 Meter hoch – die dreischiffige Basilika ist eines der größten Gebäude des antiken Roms. Das erstmals in dieser Form konstruierte Mittelschiff hat ein auf Pfeilern ruhendes, 14 Meter hohes Kreuzgewölbe. Diese Bauform löst die Säulenhallen der Antike mit ihren Balkendecken ab. Die Maxentiusbasilika ist eine Empfangshalle für Audienzen, deren Aufteilung mit dem Eingang auf der Schmalseite und dem langgestreckten Grundriss zur ausgefeilten Machtsymbolik des Imperiums gehört: Ein Besucher muss zunächst eine Strecke gehen, bevor er dem Herrscher gegenübersteht – und seiner Kolossalstatue im Halbrund der Apsis.

Diese Sprache der Macht interessiert auch die Amtsträger der christlichen Kirche. Für ihre Gebäude suchen sie eine Form, die nicht an die offenen Säulentempel der alten Religion erinnert, aber gleichzeitig die Herrlichkeit Gottes vermittelt. So wird die bedeutend wirkende Basilika zum Urbild des altchristlichen Kirchengebäudes: Ein langgestreckter Hallenbau, durch zwei Reihen Pfeiler oder Säulen in Schiffe geteilt, von denen das mittlere die größte Breite hat und in der halbrunden Apsis endet. Sie ist nun nicht mehr der Platz der Herrscherstatuen, sondern des Altars, an dem der einzige Gott angebetet wird. Dies ist – in gewisser Weise – der letzte Triumph des Maxentius.

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