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Tiere in der Stadt

Natürlich die Schmeißfliegen. Große, summende Aliens, wie schwarze Löcher im Zwielicht der Wohnung. Sie rauschen durch die Zimmer, immer an den Wänden entlang, im oberen Drittel der Zimmerhöhe, auf der Suche nach Aas. Finden sie nichts, schwingen sie ihre plumpen Körper brummend durch die Zimmer, hin und her, vor und zurück, und wieder zu den offenen Fenstern hinaus.

Tiere in der Stadt sind anders. Sie leben anders. Sie verhalten sich anders. Es sind nicht die Tiere des Landes. Sie haben weniger Scheu vor dem Menschen. Sie passen sich an. Singvögel verlegen ihren Gesang in die Zeit weit vor dem Sonnenaufgang. Oder sie singen lauter. Die Karnickel auf den Wiesen lassen sich kaum durch den nächtlichen Lärm der Betrunkenen stören und hoppeln verspielt über das Gras. Füchse schnüren frühmorgens zwischen übernächtigten Clubbern quer über die großen Plätze der Stadt, ihre Beute im Maul. Es gibt hier keine Jäger, nur Menschen, die seltsamen Ritualen folgen.

In meiner ersten Kölner Wohnung hatte ich den Schreibtisch so gestellt, dass ich das große Fenster und die Balkontüre im Blick hatte. Einmal schaute ich vom Computer auf und mein Blick traf sich mit dem einer Taube. Schwer zu sagen, wer überraschter war; aber wir beide taten so, als sei nichts passiert. Ich hoffte, dass sie nicht in Panik geriet und den Teppich verdreckte. Sie hoffte wohl, unauffällig fliehen zu können, denn sie zockelte sehr gemächlich, in einem leichten Zickzackkurs und unterdrückt gurrend, in Richtig Balkontüre. Dann hüpfte sie ins Freie.

Die meisten Tiere, die sich in unsere Wohnungen verirren, sind froh, wieder hinaus zu dürfen. Es ist immer ein Moment des Befremdens, wenn sich Tier und Mensch im privaten Refugium des Menschen begegnen. Wir halten kurz inne, stutzen, warten vielleicht auf einen Angriff. Das hat nichts mit der Größe des Tieres zu tun, eher mit seinem guten oder schlechten Ruf.

Mäuse sind bei mir häufig zu Gast gewesen. Einmal stand eine graue Hausmaus vor meinen Bücherregalen und putzte sich. Es war still in der Wohnung an diesem frühen Sonntagmorgen. Langsam ging ich näher. Sie stoppte das Säubern ihrer Schnute. Zwei glänzende Knopfaugen blickten mich direkt an. Dann tippelte sie ohne Eile zu einer Lücke zwischen den Regalen. Ich habe sie nie wieder gesehen; auch eine Schnappfalle mit Speck konnte sie nicht locken.

Wenn wir Menschen genervt und frustriert sind, halten wir die Städte für unwirtlich und wüst. Doch Tiere finden dort mehr Abwechslung als in den monotonen Kulturlandschaften mit ihren Quadratkilometern immergleicher Pflanzen. Sie finden hier viele gute Verstecke, im Winter friert es nur selten und Nahrung gibt es im Überfluss: Die Pflanzenfresser erfreuen sich an unserem Müll, die Fleischfresser an den Pflanzenfressern und die Aasvertilger sind ohnehin im Schlaraffenland.

Geflatter im Halbdunkel über mir. Ein Geräusch, ein bißchen wie zwei Lappen, die aneinander klatschen. Ich richtete mich auf, etwas näherte sich meinen Gesicht und flog eine Kurve um meinen Kopf herum. Ich spürte einen Luftzug in den Haaren und wußte, dass eine Fledermaus ein waghalsiges Flugmanöver machte; vielleicht, um einen Nachtfalter zu erwischen, dem sie auf der Flucht in meine Wohnung gefolgt war. Dann steuerte sie das Fenster an und verschwand durch das weit geöffnete Oberlicht in die Nacht.

Es ist eine ökologische Ironie, dass der Mensch so verschwenderisch ist und unendlich viele Abfälle hinterläßt. Damit lädt er allerlei Kulturfolger an einen reich gedeckten Tisch. Zum Beispiel Berlin: Die Stadtverwaltung hat kein Geld mehr, um die großen Parks aufzuräumen. Nun leben dort 8.000 Wildschweine, die reichlich Nahrung auf den Liegewiesen und unter den Parkbäumen finden.

Das Elsternpärchen im Hinterhof war unzertrennlich. Gemeinsam stapften sie über das Flachdach gegenüber, im bemoosten Kies pickend und scharrend. Sie haben dort Nahrungsspeicher für den Winter angelegt, denn der Kies ist leicht zu ergraben und das Moos kann ohne Probleme als Sichtschutz darüber gelegt werden. Manchmal saßen sie nebeneinander auf dem Rand der Einfassung und schauten den Menschen in die Fenster.

Wildtiere sind meist ungefährlich. Obwohl sie in einer vom Menschen künstlich hergestellten Umwelt leben, verhalten sich die Tiere in der Stadt ganz natürlich — wir sind weder Beute noch Rivale und werden nicht angegriffen.  Gefährlich dagegen sind die roboterhaften Großhunde, die von ihren Besitzern in Sklaverei gehalten werden. Gerade sie leben unter unnatürlichen und krankhaften Umständen.

Allerdings sind Tauben wirklich die Ratten der Lüfte. Als ich meine erste Wohnung in Köln suchte, war es noch üblich, sich Freitagabends vor die Auslieferung des Stadtanzeigers zu stellen, eine Ausgabe zu ergattern, hektisch darin zu blättern und dann mit einer passenden Anzeige zu einer freien Telefonzelle zu stürmen. Einmal stand ich in der Schlange vor dem großen Tor am Verlagsgebäude, als ich plötzlich ein Patschen hörte. Eine Taube war tot vom Dach gekippt und mir vor die Füße gefallen.

Die Stadt bevorzugt die Siegertypen unter den Tieren, die Anpassungsfähigen, die Gewitzten. Spezialisten kommen in der Stadt nicht klar. Je größer die ökologische Nische, desto besser. Füchse und Waschbären sind Allesfresser und wie geschaffen für die Stadt. Ratten sind schlau und passen sich beinahe jedem Lebensraum an. Wanderfalken können überall jagen und schnappen sich Tauben oder Dohlen aus der Luft. Die Stadt hat für jeden etwas.

Eines Nachts hörte ich es im Wohnzimmer rascheln und knirschen. Ich blickte mich suchend um. Schließlich fand ich sie, eine blaugrün schillernde Mosaikjungfer, verfangen zwischen den Zugleinen des Stoffrollos vor dem leicht geöffneten Fenster. Ich ruckelte vorsichtig an den Zugleinen, bis die Libelle ihre Beine lösen konnte. Dann zog ich das Rollo hoch, öffnete das Fenster weit und löschte das Licht. Nach einiger Zeit schraubte sie sich leise knarrend in die Luft. Umherschweifen, Beute machen.

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