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Herr Böhmer

Er sah distanziert aus und oft auch ein wenig einsam, dort oben auf seiner Bühne. Das leicht grünlich schimmernde Panzerglas verstärkte diesen Eindruck noch. Der gesamte Bereich dahinter war auf ein Podest gestellt. So konnten die Kassierer im Sitzen arbeiten und blieben trotzdem mit dem Publikum in Augenkontakt. Sie wirkten würdevoll und streng, die dicke Scheibe dämpfte ihre Stimmen. Dies übertrug sich auch auf die Besucher, die sofort auf eine zurückgenommene Weise zu sprechen begannen, wenn sie an die Scheibe traten.

Die andere Seite wirkte wie eine von den normalen Menschen getrennte Zone. Herr Böhmer gehörte zu dieser anderen Seite. Er war ein groß gewachsener, etwas schmal wirkender Mann, der sich betont gerade hielt und zum unscheinbar dunklen Anzug eine unauffällig gemusterte Krawatte trug. Nur selten kam er an die Trennscheibe und redete mit einem der Besucher. Meist saß er, über einen Aktenordner oder einen Stapel Papier gebeugt, einen Stift rasch über das Papier führend, seitlich zum Publikum.

Herr Böhmer war der Zweigstellenleiter der Sparkasse. Er gebot über drei Schalter und zwei Mitarbeiter, einen Tresor und eine Maschine zum Geldzählen. Meist erfüllte das Gerät seine Aufgabe in einem nicht einsehbaren Hinterzimmer. Doch einmal im Jahr holte Herr Böhmer die Geldmaschine nach vorne. Dann stellte er das rundliche Ding aus Grauguss und blau schimmerndem Hammerschlag gut sichtbar auf den dritten Schalter. Nur an diesem Tag war der Schalter offen, es war der Weltspartag und nur an diesem Tag trat Herr Böhmer nach vorne und bediente.

Die Maschine bestand aus einem großen Kasten mit einem eckigen Trichter auf der Oberseite. Hier hinein schüttete Herr Böhmer den Inhalt der Kinderspardosen, drückte auf einen Knopf und es begann zu rasseln und zu klirren. Eine ganze Zeit lang  schepperte die Maschine vor sich hin, sortierte die Münzen nach Größe und zählte sie dabei. Die Anzahl der Münzen jeder Sorte war an kleinen Zählwerken abzulesen. Damit konnte Herr Böhmer schnell feststellen, welche Zahlen er in die dünnen blauen Sparbücher eintragen musste.

Die Beträge, die er mit einem sehr spitz wirkenden Stift niederschreib, waren nicht besonders groß. Wenn eine Spardose einmal vierzig oder fünfzig Mark enthielt, sprach sich das sofort in der Schlange der Kinder herum. Die meisten hatten nur rund zwanzig Mark, ein paar Mark vom Geburtstag, ein paar Mark von Weihnachten und die Groschen, die Großeltern, Tanten und Onkel zwischendurch schenkten. Trotzdem wirkte Herr Böhmer bei dieser Aufgabe genauso ernst und geschäftsmäßig wie beim Schreiben seiner Akten.

Eines Tages, ein paar Wochen nach meiner Konfirmation, hob ich die 180 Mark auf dem Sparbuch ab. Zusammen mit den etwas über 800 Mark von meiner Konfirmation ergab das ziemlich genau den Preis einer Kompaktstereoanlage. Seitdem habe ich auf das Sparbuch nie wieder etwas eingezahlt.

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