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Mein zweites Leben

Ich war einen kurzen Moment verblüfft. Ich hätte nie gedacht, dass es sich so seltsam anfühlen würde. Wenn ich ehrlich bin: Ich hatte mehr erwartet. Etwas stärkeres. Wie ein Schlag mit der Peitsche. Oder wie ein Elektroschock. Auf jeden Fall mehr Schmerz und mehr Kälte.

Die Oberfläche krümmte sich von mir weg. Sie war glatt, beinahe poliert und mit kleinen Schaumflocken bedeckt. Seltsam. Ein stürmisches Meer sollte wirbelig und wild bewegt sein. Doch es sah ruhig aus. Gewaltig. Imposant. In einer weit ausholenden Bewegung erfasste es mich und drückte mich nach unten. Die polierte Fläche wölbte sich jetzt langsam zu mir hin.

Dann war plötzlich überall Wasser. Als es mich ganz umschloss, war es ein hartes, raues Gehäuse, das sich an meinen Körper schmiegte. Langsam aber stetig kroch eine ungewisse, drängende Kraft meine Arme und Beine hinauf. Eine Bestie, die sich langsam die Glieder hinauf arbeitet. Die sich mit ihrem ringförmigen, muskulösen Körper immer höher schiebt.

Meine Augen waren fest geschlossen. Eine unwillkürliche Reaktion, ein Reflex derjenigen Teile meines Gehirns, die auf Gefahr reagieren. Wo war ich? Ich öffnete die Lider und sah eine graue, unscharf wirkende, leicht wabernde Masse direkt vor mir. Es war nicht besonders hell, das Wasser um mich herum.

Wir waren bei Windstärke 8 auf diesen Ausflugsdampfer gegangen. Ich hatte mich in eine dieser verglasten Aussichtskanzeln gestellt, ganz weit vorne. Ich hatte das Meer dabei beobachtet, wie es sich immer wieder öffnete und den Bug des Schiffes verschluckte und ausspuckte und sich darin verbiß und ihn doch wieder freigab.

Ich war allein. Ich hielt mich mit einer Hand an einem Haltegriff fest, mit der anderen balancierte ich das kräftige Aufbäumen des Schiffes aus. Plötzlich griff der Ozean nach mir. Er zerdrückte die Glasfront wie hauchdünne Folie, packte mich und saugte mich aus dem Schiff heraus. Er wirbelte mich herum, zerrte und riss an mir. Mit Schwung trieb er mich durch den Schaum aus Wasser und Luft und tauchte mich in die Tiefe.

Schwimmen dürfte wohl nichts bewirken, dachte ich. Mir nicht einmal klar, wohin ich schwimmen sollte. War mein Kopf oben? Unten? Zeigte er überhaupt in eine bestimmte Richtung? Vielleicht trudelte ich ja wie ein leckgeschlagenes U-Boot immer weiter in die Tiefe? Ich überlegte. Die Oberfläche ist da, wo es am hellsten ist. Orientiere dich am Licht.

Meine Beine fingen sofort an, im Wasser zu stampfen, um nach oben zu kommen. Jede Bewegung schmerzte. Die Muskeln waren schon stark unterkühlt. Das würde ich sicher nicht lange durchhalten, überlegte ich und hörte mit allen Bewegungen auf.

In diesem Moment durchbrach ich die Oberfläche. Mein Mund öffnete sich weit und ich saugte Luft an. Mehr Luft. Viel mehr Luft. Ich zwang meine Augenlider auseinander. Ein Gefühl, als würde mir Sand auf die Augen geblasen. Wieder diese polierte Fläche, sanft gebogen, kaum bewegt. Eine hügelige Landschaft, in der sich Wolken und Himmel spiegeln. Einladend, ein Bett aus schmutziggrünem Polsterstoff.

Solaris. Das Buch. So wie mein Blick auf das Meer muss die Selbstwahrnehmung der Ozeanlebensform gewesen sein. Und dann dieser Einbruch des Menschen in eine sich selbst genügende Intelligenz. Die irritierende Erfahrung, nicht mehr allein zu sein und die verblüffte Erkenntnis, sich in anderen Wesen spiegeln zu können. Ausgerechnet Menschen, diese irrationalen Wesen, die sich für den Nabel des Universums halten.

Völlig abseitige Gedanken. Müsste ich nicht mein Leben bilanzieren? Jetzt, ein paar Augenblicke vor dem Tod? Oder werde ich mein Leben einfach so verlassen, wie einen Raum, der nicht mehr benutzt wird? Ohne zurück zu blicken?

Das graugelbe Wasser umspülte mich wieder. Ich trat mit den Beinen. Ich konnte sie kaum bewegen. Ich schien in einer sehr zähen Masse zu stecken. Ein kühler Morast. Wie Honig. Oder wie Pudding. Ein Sumpf aus Kälte. Sie kroch langsam meinen Körper hinauf. Ich bekam Panik. Ich strengte mich mehr an. Zwecklos.

Ich wollte atmen, doch dann begriff ich, das ich unter Wasser war. Wenn ich jetzt einatme, füllt sich meine Lunge mit kaltem, salzigen Wasser, dachte ich. Das werde ich nicht überleben.

Ich konnte noch nie lange die Luft anhalten, weder als Kind noch später. Vielleicht eine Minute, vielleicht eine halbe Minute länger. Dann dieser Drang, Luft zu holen, immer stärker, nicht mehr zu unterdrücken. Irgendwann reiße ich den Mund auf und mache diese typische, ausholende Pumpbewegung mit dem Brustkorb.

Das Wasser rieselt in meine Lungenbläschen und ich bekomme dieses Panikgefühl, das den ganzen Körper zusammenkrampfen und in einer reflexartigen Bewegung die Lunge zusammendrücken lässt. Doch da ist nichts mehr um mich herum außer dem Meer und es flutet in mich hinein. Graues, schmutziges Wasser. Kalter, flüssiger Tod.

Plötzlich durchbricht mein Kopf die Grenze zwischen Wasser und Luft. Meine Lunge füllt sich ein weiteres Mal. Wie oft noch? Es scheint endlos viel Zeit vergangen zu sein. Das geschwungene, um mich herum aufgespannte Plateau glitzert feucht und flirrt im Licht, Schaumflocken und Wolken tanzen umeinander. Das Boot. Ein Gesicht über der Reling. Ein Mann, der mich ansieht. Dann verschwindet er hinter einem Berg aus Wasser.

Ein Text aus dem Jahr 2008, der eigentlich ein Beitrag zu einem Literaturwettbewerb mit dem Thema “Das erste Mal” werden sollte. Aber ich fand ihn dann unpassend für ein Popkulturmagazin.

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