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Arno Schmidt für die Jugend

Mit 15 war ich Science-Fiction-Fan und ein richtiger Nerd. Die Phase, in der ich aus alten Filzstiften und selbst angemischtem Schwarzpulver Raketen gebastelt und dann einmal quer durch den Garten meiner Oma geschossen habe, war allerdings schon wieder vorbei. Ich hatte jetzt härteren Stoff: J. G. Ballard, John Brunner, James Tiptree Jr., William F. Nolan, Samuel R. Delany, Philip K. Dick und ein paar andere. In ihren Romanen ging es um die Zukunft und um Sex, wobei ich Sex zunehmend interessanter fand.

Der Buchhändler in der Kölner Strasse von Wermelskirchen kannte mich schon. Einmal die Woche besuchte ich Herrn Hackenberg und lies mein Taschengeld sowie sämtliche Geldgeschenke (die ich mit allen fiesen Tricks dieser Welt sämtlichen Verwandten inklusive meiner Oma aus den Rippen leierte) im Taschenbuchkeller. Die SF-Ecke war beeindruckend und vermutlich hat sie Herr Hackenberg als guter Unternehmer extra für mich noch ausgebaut.

Doch ich war ein Bücherfresser. Mir reichte das Angebot an Science Fiction schon bald nicht mehr. Ich begann, in den anderen Ecken des Kellers zu stöbern. Eines Tages stutzte ich bei einem kleinen, sehr schmalen Fischer-Taschenbuch: Der Titel sagte mir nichts, der Autor noch weniger, aber das Titelbild war eine Art Fantasy-Motiv. Obwohl ich Fantasy nicht besonders mochte, klappte ich das Buch auf und begann die Verlagsinfos zu lesen:

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Der Journalist Charles Henry Winer, hier Arno Schmidt als sein eigener Urgroßneffe, hat im Jahre 2008 von den acht Weltmächten ein Visum zum Besuch der IRAS (d. i. International Republic for Artists and Scientists) erhalten, ein komfortables, im Sargassomeer schwimmendes Dicht- und Denkdomizil für die Genies der Erde, das zur einen Hälfte für “den Ostblock”, zur anderen für “die freie Welt” reserviert ist. Auf dem Wege dorthin durchquert Winer den “Hominiden-Streifen” im Westen der USA, wo durch radioaktive Einwirkung entstandene Mensch-Tier-Mutationen in Quarantäne gehalten werden. Er wird Zeuge grausamer Kämpfe zwischen diesen und besteht ein Liebesabenteuer mit einer jungen Zentaurin, halb Mädchen, halb Reh. In der Gelehrtenrepublik IRAS entdeckt Winer statt friedlicher Kooperation einen hinterhältigen Geheimkrieg beider Hälften, in dem mit Entführungen und operativ vertauschten Gehirnen gearbeitet wird. In einem Augenblick höchster Spannung gelingt es Winer, mit dem (vielleicht letzten) Flugzeug die künstliche Gelehrteninsel zu verlassen.

Für mich war der Fall klar: Einer von diesen experimentellen SF-Romanen, die ich sehr gerne las, da es hier nicht ausschließlich um irgendwelche Raumschlachten ging, sondern um tiefe philosophische Grundfragen der Menschheit und um Sex.

Ich habe die Gelehrtenrepublik damals mit Vergnügen gelesen, ohne auch nur ansatzweise etwas von Bargfeld, Arno Schmidts Stellung in der Nachkriegsliteratur sowie allen Dechiffriersyndikaten dieser Welt zu ahnen. So konnte ich diesen Schriftsteller vollkommen vorurteilslos entdecken. Ich erinnere mich noch gut daran, dass mir der Sound des Buches auf Anhieb gefiel und ich mich direkt am Nachmittag festlas.

Arno Schmidt erzeugte eine bedrohlich wirkende Zukunftsatmosphäre, aber mit völlig anderen Mitteln als die mir bekannten Autoren. Ich fand den Schreibstil gut auf die eher apokalyptisch beschriebene Zukunft zugeschnitten: stark verknappt, mit Satzzeichengewittern, geschrieben in einem Hardboiled-Tonfall mit vielen bissigen Randbemerkungen. Die ironischen Fußnoten sowie das ganze Drumherum mit einem fiktiven Übersetzer kannte ich bereits von einigen anderen Romanen, zum Beispiel von den Sterntagebüchern Stanislaw Lems.

Viele Freunde, denen ich es empfahl, fanden das Buch anstrengend. Für mich war es ausschließlich faszinierend. Von guter Science Fiction erwartete ich formale Experimente. Kein Wunder, habe ich doch vorwiegend hippieske New Wave-SF gelesen. Sie dekliniert im Rahmen eines ausgefeilt beschriebenen und oft experimentell dargestellten Zukunftsentwurfs gegenwärtige politische und gesellschaftliche Probleme durch und camoufliert dies gerne mit einer abenteuerlichen Handlung. Ein typisches Buch ist “Der Schockwellenreiter” (1975) von John Brunner, das (im Rückblick von 30 Jahren) merkwürdig prophetisch wirkt.

Vor dem Hintergrund solcher Lektüre habe ich Arno Schmidt weniger als Sprachavantgardisten wahrgenommen, sondern vielmehr als Autor sehr ungewöhnlicher politischer Zukunftsromane – vor allem, weil ich wenige Tage später “Leviathan und Schwarze Spiegel” kaufte. In “Leviathan” versuchen einige Versprengte in den letzten Kriegstagen mit einem Güterzug aus der Kampfzone zu fliehen und philosophieren des Nachts über das Universum. “Schwarze Spiegel” ist eine klassische Atomkriegs-Dystopie: Der einzige überlebende Mensch durchstreift die verstrahlten Ebenen bei Hamburg.

Was bei vielen heutigen, eher geistes- und kulturwissenschaftlich gepolten Schmidt-Lesern etwas zu kurz kommt: Schmidt war neben seinem legendären klassisch-humanistischen Wissen auch technisch-physikalisch gebildet. Er war in beiden Kulturen zu Hause und konnte deshalb stimmige SF-Szenarien entwerfen. Aus diesem Grunde waren seine Bücher für mich sofort lesbar und in eine – alternative – literarische Tradition einzuordnen.

Dies alles ist 1978 passiert. Ein Jahr später habe ich meine Mittlere Reife gemacht und eine Ausbildung angefangen, nach deren Ende ich aufs Gymnasium ging, Abi machte, dann Zivi wurde und schließlich studierte. Von dieser Zeit ist fast nur die bis heute andauernde Beschäftigung mit Philip K. Dick und Arno Schmidt geblieben. Und vielleicht eines noch: Die doppelte Beheimatung in zwei sehr reichen geistigen Welten, die ich von beiden Autoren gelernt habe; dem strengen, bissigen, die deutsche Sprache liebenden Arno Schmidt und dem lässigen, kiffenden, die deutsche Literatur liebenden Philip K. Dick.

Arno Schmidt, Die Gelehrtenrepublik.
Kurzroman aus den Roßbreiten (1957)
Suhrkamp, Frankfurt 2006. 215 Seiten, EUR 14,90.
ISBN 3518224107

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