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Meine Abende mit Herodot. Ryszard Kapuscinski nachgerufen

Herodot? Der Vater der Geschichtsschreibung!

Das könnte eine Sentenz aus dem Wörterbuch der Gemeinplätze sein, doch es spiegelt genau den Stand meiner Kenntnis bis Ende 2005 wieder. Im Hinterkopf, dem Silo für geistig Halbverdautes, waberten die Vorstellungen “schwierig zu lesen” und “stilistisch irgendwo zwischen dem Gilgamesch-Epos und der Ilias anzusiedeln” umeinander. Doch dann …

Köln, im Dezember 2005. Der Berichterstatter war auf Jagd nach Eigengeschenken. Neben einigen herunter gesetzten Bänden aus der Werkausgabe von Schnitzler (mich interessierten vor allem das Fräulein Else und der Leutnant Gustl) fand ich einen blass-apfelsinigen Band von Eichborn. Eine Erfolgsausgabe der Anderen Bibliothek mit dem einladend-versponnenen Titel “Meine Reisen mit Herodot”. Von Richard Kapuschinski, oder so.

Herodot? Der erste Reporter der Menschheitsgeschichte!

Das verriet mir der Buchrücken und der Klappentext ergänzte: “Da war einer, von Neugier und Wissensdurst getrieben, aufgebrochen, die Grenzen der bekannten Welt auszuloten [...]. Herodot war [...] wie [...] auch Ryszard Kapuscinski, Reporter, Anthropologe, Ethnograph und Schriftsteller.” Und: “Wann und wohin auch immer Ryszard Kapuscinski unterwegs war, Herodot war dabei.”

Wäre ich eine Comic-Figur, hätte wohl eine Glühlampe über dem Vorderkopf geleuchtet. Diese ganz spezielle Glühlampe strahlt taghell und erscheint immer dann, wenn ich (ohne näheres zu wissen) einen Fund getan habe. Ja, so sagte ich mir in Gedanken, das könnte eine neue Erfahrung für einen Freund des Schrulligen wie mich sein. (Ich mag das Schrullige und Kuriose, das leicht neben der Spur liegt und sich dem Üblichen sanft, aber beharrlich verweigert. Mein aktuell liebster schrulliger Film z. B. ist “Garden State”.)

Die folgenden Abende verbrachte ich mit Ryszard Kapuscinski. Die “Reisen mit Herodot” verschränken die historisch-länderkundlichen Beschreibungen Herodots mit den Erinnerungen Kapuscinskis an seine Reisen und Reportagen. Auf diese Weise entsteht ein Amalgam, das von der Geschichte der letzten 50 Jahre ebenso viel und gut erzählt wie von den Ereignissen, die Herodot schildert. Eine bessere Einführung in den griechischen Geschichtsschreiber läßt sich nicht wünschen.

Herodot war ein Zeitgenosse von Sophokles und Perikles. In Geschäften durchreiste er Ägypten, Kyrene, Palästina, Phönizien, Babylonien, die nördliche Ägäis bis ins Schwarze Meer und das Land der Skythen. Doch eigentlicher Zweck seiner Reisen war der Wunsch nach Wissen. Er war versessen auf Nachrichten von Gegenden und Menschen, und er sammelte Berichte von Chronisten, Händlern, Soldaten und Abenteurern – alles für eine Erforschung der Hintergründe des Krieges der Perser gegen die Athener.

Gegen Ende seines Lebens komponierte er Notizen, Vorträge und Quellen zu einem fortlaufenden Text, der ersten erzählenden Prosa der Griechen. Der Beginn seiner neun Bücher zur Geschichte erläutert das Ziel seiner Arbeit:

Herodot von Halikarnassos veröffentlicht hiermit seine Forschung, auf dass die menschlichen Werke bei der Nachwelt nicht in Vergessenheit geraten, und damit große und wunderbare Taten der Griechen und der Barbaren nicht ohne Gedenken bleiben. Vor allem aber soll man erfahren, warum sie gegeneinander zum Kriege schritten.

Die Historien des Herodot waren das Lieblingsbuch von Ryszard Kapuscinski. Er nahm es überallhin mit, nach Ägypten ebenso wie in den Balkan oder weit hinaus nach Afrika und Asien. Der polnische Journalist lernte bei Herodot den prägnant-sparsamen Stil, der nur das Notwendigste erzählt. Er lernte bei ihm eine Haltung, die mit offenen Augen die Fremde erforscht und sie nicht mit vorgefassten Denkweisen kolonisiert.

Nach einiger Zeit begann ich, Herodot selbst zu lesen. Die Historien sind niedergeschriebene mündliche Erzählungen mit einer reichen Gliederung aus länder- und volkskundlichen Einschüben sowie aus anekdotischen oder novellistischen Abschweifungen. Der Autor berichtet ausdrucksvoll und lebendig in der Manier eines Geschichtenerzählers. Ein Verlag sollte dringend eine Gesamtausgabe als Hörbuch herausbringen – mit einer aufhorchen lassenden Stimme, aber bitte weder Elmar Gunsch noch der (von mir geschätzte, aber inzwischen leider über-hörte) Christian Brückner.

Zum Schluss mein dringender Rat: Lesen Sie die Historien des Herodot. Sie gehören wie die Selbstbetrachtungen Marc Aurels oder die Tröstungen durch die Philosophie des Boethius zu den Ewigen Werken der Weltliteratur. Der Mann aus Halikarnassos ist heute so aktuell wie vor zweieinhalb Jahrtausenden, auch wenn er sich gelegentlich irrt:

Niemand wird so dumm sein, dass er Krieg statt des Friedens wählt.

Herodot * 484 v. Chr., †425 v. Chr.
Ryszard Kapuscinski * 4. März 1932, †23. Januar 2007

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