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Zwanzig Jahre

Wenn ich an meinem Schreibtisch sitze und über den Rand des Monitors schaue, erblicke ich im gegenüberliegenden Regal zwei Reihen und eine halbe aus hellen, graubeigen Bänden: Den Merkur, die deutsche Zeitschrift für europäisches Denken. Seit meinem Umzug nach Köln im Jahr 1987 wächst diese Sammlung um weitere Jahrgangsbände, die ich in jedem Frühsommer in Leinen binden lasse.

Für 2006 fehlen noch die Einbanddecken, dann sind es 40 Bände – zwei für jedes Jahr, das seitdem vergangen ist. Eine lange Zeit: Damals begann ich erst, mit dem Computer zu arbeiten. Es war ein Schneider PC 1512 mit zwei (!) Diskettenlaufwerken. Der Computer, an dem ich dies schreibe, ist das 14. oder 15. Gerät, das ich besitze.

Ich bewohne nun die vierte Wohnung, mit jedem Umzug sind Zimmer hinzugekommen. In dieser Zeit gab es zwei längere und ein paar kürzere Beziehungen. Seit Mitte der 1990er Jahre lebe ich mit U. zusammen. Meine Stammkneipe habe ich zweimal gewechselt, meinen Buchhändler einmal. 1987 war ich Student, nun bin ich ein wackerer Sisyphos am Hang der Medien.

Während dieser ganzen Zeit hat mich der Merkur treu begleitet. Ich habe ihn 1986 entdeckt, am Anfang meines Studiums. Er fiel mir im Zeitschriftenlesesaal sofort auf: Ein weißer Umschlag mit klarer Typografie und ohne jedes weitere grafische Element. Ich schlug ihn auf und habe ihn seitdem nicht wieder zugeschlagen.

Der Merkur ist eine allgemeine Kulturzeitschrift mit einem stark geistes- und sozialwissenschaftlichen Schwerpunkt. Er orientiert sich an den Bedürfnissen des gebildeten und interessierten, aber von Jargon und Fussnotenhuberei abgeschreckten Publikums. Ich wollte – auch nach dem Studium – über die aktuellen Entwicklungen in den Bereichen Kultur, Geschichte und Soziales informiert bleiben, aber nicht jeder modischen Wendung aufsitzen.

Der Merkur leistet genau dies, zuverlässig seit zwei Jahrzehnten. In klaren, gut geschriebenen Aufsätzen informieren Wissenschaftler über ihre Fachgebiete, aber auch über langfristige intellektuelle Entwicklungen und die Randzonen der wissenschaftlichen Provinz. Die Redaktion sieht das so:

Jedes Thema kann im Merkur vorkommen, wenn es drei Voraussetzungen erfüllt: Es muss gedanklich originell, aber nicht unbedingt gelehrt sein; es muss relevant sein für gebildete, aber eben nicht spezifisch orientierte Leser; es muss in essayistischer Form präsentiert werden: ohne akademische Umständlichkeit, mit sprachlicher und intellektueller Eleganz.

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