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Wildes Denken

Dem Kunstgelehrten und Büchersammler Aby Warburg wird ein Zitat zugeschrieben, das es wohl ganz gut trifft: “Die Juden sind zweitausend Jahre länger Patient der Weltgeschichte gewesen.” Länger als? Die Deutschen, vermute ich. Aby Warburg musste unter ihnen leben und sterben. Seine 60.000 Bände starke Bibliothek ist nach seinem Tod 1929 im Epochenjahr 1933 Richtung London vertrieben worden, wo sie heute der Universität gehört.

Das Zitat und einen interessanten Aufsatz zu seiner Einordnung fand ich in der ersten Ausgabe der “Zeitschrift für Ideengeschichte“, einer zum Jahr der Geisteswissenschaften neu erscheinenden Zeitschrift für die “gebildete Öffentlichkeit” (Verlagsinfo).

Der akademische Mainstream der 1960er bis 1990er Jahre mit seinen flott wechselnden Theoriemoden hat die Ideengeschichte an den Rand gedrängt. Im 21. Jahrhundert dagegen ist es wieder notwendig, über Abstammung, Geburt, Entfaltung und Absterben unserer Begriffe nachzudenken. Ideengeschichte ist heute ein Wissensbereich, der das zu Brei zertretene Eigenschaftswort “spannend” tatsächlich noch tragen kann.

Im Titelthema “Alte Hüte” widmet sich die Zeitschrift einigen Begriffen, deren Diskurshoheit auch schon wieder Geschichte ist – Entfremdung, Coolness und Untergrund. Hans-Georg Gadamer meditiert in einer Miszelle aus dem Nachlass über die Schönheit. Der Kommentar hierzu von Odo Marquard bringt es auf fast den doppelten Umfang – mit einem lehrreichen Schlenker zur Bürgerlichkeit. Der exzellente Essay “Mussolini und der Löwe” berichtet über die Aufschlüsse Aby Warburgs in der Frühzeit der politischen Ikonographie, als die Herrscherbildnisse noch an die Antike erinnerten.

Das alles habe ich mit Gewinn gelesen, doch die Zeitschrift wirkt noch ein wenig unfertig und manchmal etwas zu brav um leidenschaftslose Wissenschaftlichkeit bemüht. Dabei gibt es in der Geschichte der Ideen viel Ungebärdiges zu entdecken, meint der 84jährige Wilhelm Hennis:

Die hermeneutische Leidenschaft ist Deutschlands spezifischer geisteswissenschaftlicher Beitrag zum Westen [...]. Das ist die Romantik, die Reformation, das ist diese Wildheit des Denkens.

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