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Der staunende Blick

Dienstags bin ich oft im Elektra. Dieses Mal lässt mich Jakob lange warten. Ich rede mit H. und D. Zwischendurch schaue ich immer, ob er kommt und die Bestellung aufnimmt. Jedes Mal registriere ich die Frau vom Nebentisch. Beim ersten Mal hört sie mit lauschendem Gesicht ihrem Nachbarn zu. Beim zweiten Mal lächelt sie still in sich hinein. Dann schaut sie zur Theke. Ein anderes Mal sieht sie gespannt und amüsiert aus. Schließlich blickt sie in meine Richtung, sieht mich aber nicht.

Jakob kommt um die Ecke und geht zuerst zu ihr. Ich beobachte, wie sie ihren Wuschelkopf in den Nacken wirft und zu ihm aufschaut. Dann nennt sie ihre Wünsche. Jakob nickt, die Frau nickt zurück. Nun schaut sie wieder ihren Nachbarn an. Die Kerzen auf dem Tisch sind flackernde Miniaturen im Rund der Brille. Sie blickt dem Mann in die Augen, lächelt und hat jetzt wieder dieses freundliche, ernste, interessierte und lauschende Gesicht.

Das Alter eines Menschen zeigt sich in seinen Augen. Junge Menschen haben einen staunenden Blick und ein neugierig wirkendes Antlitz. Sie schauen ein wenig forschend, ein wenig misstrauisch. Es ist ein direkter Blick, der sich mit unverstellten Geist umschaut. Sie haben noch lange nicht alles gesehen. Die Welt ist neu und erstaunlich, die Wirklichkeit hat noch keine Schneisen geschlagen.

Plötzlich bemerke ich eine Bewegung. Von meinem Platz aus kann ich durch das Fenster auf den Bürgersteig schauen. Die Frau vom Nachbartisch ist draußen und schließt ihr Fahrrad auf. Sie schaut in meine Richtung. Ich wünsche mir ein neugieriges Lächeln.

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