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Aus dem Inneren der Bundesrepublik

Es war ein Spontankauf. Ich wußte gar nicht, dass ein neues Buch von Dieter Wellershoff erschienen ist. Ich habe noch am selben Abend angefangen zu lesen und erst weit nach Mitternacht aufgehört. Die Essays in dem Band “Der lange Weg zum Anfang” haben mich sofort fasziniert. Der 1925 geborene Autor schreibt einen bemerkenswert geschmeidigen Stil und zeichnet sich durch die Fähigkeit zum Selberdenken aus.

Das neue Buch ist – trotz einiger Wiederholungen durch überschneidende Themen – eine interessante Sammlung von Gelegenheitstexten und Interviews aus den letzten Jahren. Viele Essays bieten einen Ausflug in die literarische Geschichte der Bundesrepublik, die Wellershoff entscheidend mitgestaltet hat – als Autor eines dicken Buchs über Benn, Herausgeber der Benn-Werkausgabe, Lektor von Heinrich Böll und Rolf Dieter Brinkmann und als Schriftsteller mit einem umfangreichen erzählerischen und essayistischen Werk.

Im hohen Alter liegt das Erinnern nahe, besonders bei einem Menschen, der die Zeit seit dem Beginn des 2. Weltkriegs bewußt miterlebt hat. Durch die Aufsätze, Reden und Interviews entsteht eine private und eine intellektuelle Biografie. Wellershoff berichtet aus dem Inneren der Bundesrepublik und verzichtet auf jede Verklärung der Vergangenheit. Ob es sich um Erinnerungen an Krieg oder Nachkrieg oder an literarische Weggefährten handelt: Er idealisiert nicht. Der Blick auf Kollegen, Eltern und den Bruder ist liebevoll, aber erfreulich unsentimental.

Dieter Wellershoff, Der lange Weg zum Anfang.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007. 331 Seiten, EUR 19,90.
ISBN 346203765X

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