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Am Rand der Geschichte

Golo Mann war ein freundlicher Melancholiker, eine unter Intellektuellen öfters anzutreffende Spezies. Er war es gewohnt, das Leben von der schweren Seite zu nehmen; sicher nicht zuletzt, um die dünne Haut des übersensiblen Nervenmenschen vor Verletzungen zu schützen. Diese Geisteshaltung hat ihn zu einem leicht spleenigen und in der Öffentlichkeit oder unter Fremden unbeholfen wirkenden Menschen gemacht.

Legendär ist seine vollkommen irrige Selbsteinschätzung als Universitätslehrer: Er hat diesen Beruf recht lange ausgeübt, und sich mehr und mehr darin unwohl gefühlt. Dies steigerte sich bis zu paranoiden Zuständen, in denen er vermutete, als Professor völlig versagt zu haben. Nichts könnte falscher sein, denn seine Studenten liebten ihn für seine freundliche, in keiner Weise überhebliche Art, und sie schätzten und bewunderten seine Fähigkeit, Geschichte im mündlichen Vortrag spannend, detailreich und leidenschaftlich zu erläutern.

Als Historiker war er ein Außenseiter; immer am Rand der akademischen Geschichtswissenschaft. Üblicherweise wird er beurteilt als jemand, der mehr Erzähler als Historiker ist. Mag sein, aber es ist der deutschen Geschichtswissenschaft deutlich anzumerken, dass ihr die guten Erzähler ausgegangen sind. Erzählte Geschichte auf höchstem Niveau gibt es fast nur noch von englischen oder US-Autoren.

Vor diesem Hintergrund ist die “Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts” von Golo Mann das Pflichtprogramm für jeden Geschichtsinteressierten – und vor allem für diejenigen, die noch gar nicht wissen, das sie an Geschichte interessiert sind. 1992 erschien die 10. und letzte Ausgabe eigener Hand, und wie immer hatte Golo Mann das Werk um die neueste, vor allem politische Geschichte ergänzt.

Als eminent politischen Menschen zeigt ihn ebenfalls der kürzlich erschienene Band mit Briefen. Mitte der 1960er Jahre beharrte er in einem langen, damals brisanten Brief an Theodor Oberländer (den ehemaligen Vertriebenenminister) auf dem erreichten Status Quo der Oder/Neiße-Linie, die als Grundlage für ein friedliches Europa anzuerkennen sei. Zwei Jahrzehnte später stellte er sich in einem Brief an Joachim Fest auf die Seite der Gegner von Ernst Nolte, der im Historikerstreit die umstrittenene Position der Nachrangigkeit der Judenvernichtung gegenüber den Greueltaten der Sowjets vertrat.

Doch neben solchen umfassend und detailliert argumentierenden Aufsätzen in Briefform gibt es auch ein ganzes Spektrum aus Privatbriefen, die ein reiches und eindringliches Porträt von Golo Mann zeichnen. Er tritt hier auf als Freund, Bruder, Sohn (seiner Mutter) und gelegentlich auch – zumindest in Andeutungen – als Liebhaber. Auffällig ist jedoch die Leerstelle dieser Sammlung: Es ist Golo Manns Vater, über den der junge Mann nichts und der Greis wenig schreibt; und wenn, dann wird der Übervater nur TM genannt.

In diesen Briefen erweist sich Golo Mann als Künstler des schriftlichen Zwiegesprächs. Hier drückt er seine Gefühle in ihrer ganzen Bandbreite aus. Er beherrschte den charmanten Flirt ebenso wie den umstandslosen rhetorischen Angriff. Für den mit dem folgenden Zitat angesprochenen Herrn war es keine gute Idee, Golo Mann zu verärgern:

Es liegt am Ihrem Charakter. [...] Sie verwirren und wollen verwirren. [...] Sie sind [...] egozentrisch. [...] [Das (eine Invektive gegen einen anderen Autor)] ist menschlich hässlich. [...] Ich halte Ihre literarische Existenz für eine insgesamt schädliche.

Golo Mann konnte deutlich werden und hat nicht mit seinen Ansichten hinter dem Berg gehalten. Gleichzeitig war er bis zur Selbstaufgabe abhängig von Bestärkung und Bestätigung. Die Zahl seiner kleinen Veröffentlichungen in Zeitungen, Zeitschriften und Sammelbänden, der Vorworte und Einleitungen ist gigantisch. Das Wort “Nein” war ihm, zumindest was die publizistische Arbeit angeht, vollkommen unbekannt. Die Tendenz, sich im Klein-Klein zu verlieren und das Alter verhinderten, dass er den zweiten Teil seiner Erinnerungen zu Ende schreiben konnte. Die vorzüglich und ausführlich kommentierten Briefe sind ein wundervoller Ersatz.

Golo Mann, Briefe 1932-1992
Wallstein Verlag, Göttingen 2006. 535 Seiten, EUR 34,-
ISBN 3835300032

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