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Die Poesie des Zufalls

Es gibt keinen Zufall.
Eine Tür kann zufallen.
Doch das ist kein Zufall,
sondern ein bewusstes Erlebnis
der Tür.

Kurt Schwitters

Vor allem Musiker und Komponisten interessierten sich seit den späten 1940er Jahren für den Einsatz von Zufallsoperationen im künstlerischen Prozess (Aleatorik). Die Anhänger dieser Richtung arbeiten mit Kompositionsregeln, zu denen auch eine Zufallswahl gehört. Bedeutendster Vertreter war John Cage, der das chinesische I Ging für seine Musik nutzte. Durch das Auslegen von Holzstäben oder den Wurf von Münzen erzeugte er zunächst ein I-Ging-Symbol. Kompositionen wie “Music of Changes” entstanden dann anhand von Abbildungsregeln für Symbole auf Noten.

Auch Schriftsteller haben sich für diese Art der Kunstproduktion interessiert. In der Literatur konnte die Aleatorik an eine andere, ältere Tradition anschließen: Die allmähliche Verdrängung erst des Erzählers und schließlich des Autoren aus der Dichtung. Bereits im späten 19. Jahrhundert wird der innere Monolog eingesetzt, um ein gedankliches Gespräch der Romanfigur mit sich selbst zu inszenieren. Arthur Schnitzler hat diese Erzähltechnik in den beiden Novellen “Leutnant Gustl” (1900) und “Fräulein Else” (1924) zur Perfektion geführt. Einige Zeit später entwickelte James Joyce für seinen Roman “Ulysses” (1939) die Erzähltechnik des Bewusstseinsstroms, einer ungefilterten Wiedergabe des Denkens einer Romanfigur.

Hier ist der Erzähler bereits sehr weit aus dem Bezugsrahmen des literarischen Werks herausgetreten. Doch es geht radikaler: Die Surrealisten bemühten sich, das Autorsubjekt so weit wie möglich auszuschalten. Eine assoziativ-halbbewußte Textproduktion (“écritur automatique”) sollte psychische Energien spontan und direkt in einen Text umwandeln. Andre Betron nannte dies ein “Denkdiaktat ohne jede Kontrolle durch die Vernunft”. Auch die Dadaisten nutzten verwandte Verfahren. Trotzdem ist hier noch der Einfluss des Verstandes zu bemerken, der sich diesen luziden Unsinn ausgedacht hat:

weh unser guter kaspar ist tot
wer trägt nun die brennende fahne im zopf wer dreht die kaffeemühle
wer lockt das idyllische reh
auf dem meer verwirrte er die schiffe mit dem wörtchen parapluie
und die winde nannte er bienenvater
weh weh weh unser guter kaspar ist tot heiliger bimbam kaspar ist tot

(aus: Hans Arp, Die Schwalbenhode)

Alle Verfahren zum automatischen Schreiben – ob mit, ob ohne Nachhilfe durch Alkohol oder Drogen – setzen einen menschlichen Autor voraus. Sein Denken und seine spontanen Assoziationen erzeugen den Text. Diese Art der Literatur entsteht in einem kreativen Prozess, der nicht fundamental anders ist als das Erfinden einer Erzählung. Doch es ist leicht möglich, den Autor als kreative Instanz durch irgendeine Art von Kombinatorik zu ersetzen und somit einen aleatorischen Text zu erzeugen.

Ein recht einfaches Beispiel sind Phrasendreschmaschinen, die in ihrer physischen Form durch Drehen von konzentrischen Scheiben einige an den Radien angeordnete Worte verknüpfen. Im Internet finden sich zahlreiche Software-Versionen solcher Generatoren. Etwas ähnliches leistet auch die Thomasbernhardmaschine: Sie erzeugt aus der Verbindung einiger weniger Phrasen bernhardeske Schimpfworte wie “vernichtungswillige Kulturverluderung” oder “korruptionistische Geistesheimtücke”.

In diesen einfachen Textgeneratoren wird allerdings nur ein Halbsatz erzeugt, der keine literarische Form besitzt. Wesentlich weiter geht die von Brion Gysin entdeckte und William S. Burroughs perfektionierte Cut-up-Technik. Hierbei werden bestehende Texte aus allen Arten von Quellen auseinander geschnitten und beliebig oder aufgrund von Zufallsoperationen rekombiniert (“remixt”). Burroughs hat diese Technik in ihr selbst beschrieben:

Cut word lines … shift linguals … vibrate tourists … free doorways … Word falling … Photo falling … Breakthrou in Grey Room …

Ein stochastischer, nur durch den Zufall gesteuerter Text ist dies allerdings nicht. Selbst bei Cut-up-Texten ist noch ein schwacher Widerschein des Autors zu erkennen, denn er hat die Remix-Vorlagen meist anhand eines erwarteten literarischen Effekts ausgewählt. Ein wesentlich stärkeres Zufallselement hat die Anleitung zum Bau eines Dada-Gedichts von Tristan Tzara: Schneide die Wörter eines Zeitungsartikels aus, mische sie in einem Hut, ziehe sie nacheinander heraus und schreibe das entstehende Gedicht auf.

Der letzte Schritt zu einem echten stochastischen Text erfordert einen Computer. Die Maschine wählt mit einem Zufallszahlengenerator Worte aus einer Liste aus und kombiniert sie anhand einiger Satzbildungsregeln. Der Philosoph Max Bense regte Ende der 1950er Jahre seine Studenten an der TH Stuttgart dazu an, genau solche stochastischen Texte mit einem der frühen Computer zu produzieren. Der Doktorand Theo Lutz schrieb 1959 ein Programm für eine Zuse Z22, das 32 Begriffe mit Hilfe von einfachen Satzbildungsregeln frei kombinierte:

Bei dem [...] Zufallstext enthielt die Maschine insgesamt 16 Subjekte und 16 Prädikate, ausgewählt aus F. Kafka “Das Schloß”:
DER GRAF DER FREMDE DER BLICK DIE KIRCHE DAS SCHLOSS DAS BILD DAS AUGE DAS DORF DER TURM DER BAUER DER WEG DER GAST DER TAG DAS HAUS DER TISCH DER KNECHT OFFEN STILL STARK GUT SCHMAL NAH NEU LEISE FERN TIEF SPAET DUNKEL FREI GROSS ALT WUETEND

Das Ergebnis ist künstliche Poesie, die sich – im Unterschied zur natürlichen Poesie aus menschlicher Produktion – einer schlüssigen Interpretation verweigert:

NICHT JEDER BLICK IST NAH. KEIN DORF IST SPAET.
EIN SCHLOSS IST FREI UND JEDER BAUER IST FERN.
JEDER FREMDE IST FERN. EIN TAG IST SPAET.
JEDES HAUS IST DUNKEL. EIN AUGE IST TIEF.
NICHT JEDES SCHLOSS IST ALT. JEDER TAG IST ALT
NICHT JEDER GAST IST WUETEND. EINE KIRCHE IST SCHMAL
KEIN HAUS IST OFFEN UND NICHT JEDE KIRCHE IST STILL.
NICHT JEDES AUGE IST WUETEND. KEIN BLICK IST NEU.
JEDER WEG IST NAH. NICHT JEDES SCHLOSS IST LEISE.
KEIN TISCH IST SCHMAL UND JEDER TURM IST NEU.
JEDER BAUER IST FREI. JEDER BAUER IST NAH.

Bedeutungsvoll wird der Text nur durch das Echo aus der Lebenswelt, das jedes der Worte begleitet. Ein Satz wie “kein haus ist offen und nicht jede kirche ist still” ruft aus den Erinnerungen eines jeden Menschen anderes ab und führt zu der individuell unterschiedlichen Erfassung einer (eigentlich nicht vorhandenen, also eher simulierten) Aussage. Ausgehend von diesen recht simplen Anfängen produzierten Lyrikprogramme mit wachsendem Geschick “süße Sänge”:

Das Laub ist aufgeflimmert
die tote Seele wimmert
zum Greise nah und gar
der Schein perlt frei und stecket
und an den Blüten recket
die weite Woge unsichtbar

Wir lieben Schwanenlieder
sind linde grüne Flieder
und sind so mild und klar
wir lichten Donnerklänge
und schenken süße Sänge
und liegen oben in dem Haar

Aus: Manfred Krause, Götz F. Schaudt, Computer-Lyrik. (1967)

Doch sind solche künstlich erzeugten Texte Kunst? Nur mit der Folie der Genieästhetik gibt es eine einfache, verneinende Antwort. Moderne Kunstkonzepte dagegen gehen eher von einer Ästhetik des Machens aus, bei der Kunst durch das rational gesteuerte Bearbeiten eines Materials entsteht. Für diese Auffassung sind die Dada-Experimente von Tristan Tzara oder die Automatiktexte von Andre Breton ebenso Kunst wie die Fundobjekte von Marcel Duchamp – sie werden durch den Eingriff des Künstlers zu Kunst.

Im Lichte dieses Kunstbegriffs ist die Poesie aus dem Computer ebenso gemacht wie jede andere Lyrik. Die 1966 von Gerhard Stickel erzeugten Autopoeme zum Beispiel entstanden mit einer IBM 7090. Das Programm enthielt ein Lexikon von 1200 Wörtern, von denen jedes eine Kennzahl als grammatische Bestimmung besaß. Die mitgelieferte Syntax bestand aus 280 Satzmustern mit Bezeichnern für die Satzglieder, die durch Wörter aus dem Lexikon ersetzt wurden. Ein Zufallsgenerator trieb das Ganze an, so dass beliebige Satzfolgen erzeugt werden konnten:

Die fröhlichen Träume regnen.
Das Herz küßt den Grashalm
Das Grün verstreut den schlanken Geliebten.
Fern ist eine Weite und melancholisch.
Die Füchse schlafen ruhig.
Der Traum streichelt die Lichter.
Traumhaftes Schlafen gewinnt eine Erde.
Anmut friert, wo dieses Leuchten tändelt.
Magisch tanzt der schwache Hirte.

Gerhard Stickel, Autopoem Nr. 312 (1966)

Dieses Autopoem ist allerdings nur in der Zusammenschau von Produkt und Produktionsbedingungen ein Kunstwerk. Die in ALGOL geschriebene Software gehört ebenso dazu wie die Lochkarten, in die sie gestanzt wurde und die Rechenanlage, die sie ausführt. Insoweit hat nicht der Computer Kunst geschaffen, sondern der Mensch einen Computer befähigt, Teil eines Kunstwerks zu sein.

Die Autopoeme und die anderen stochastischen Texte der späten 1960er Jahre markieren einen Endpunkt. Nach 1968 sind kaum noch Experimente in diesem Genre gewagt worden. Dies mag an einem Problem liegen, das die stochastischen Texte mit anderen Formen der experimentellen Literatur gemeinsam haben: Sie wirken nur, wenn sie neu sind. Eine Lyrik, die der Sinnsucht des menschlichen Geistes keinen Stoff bietet, kann lediglich verblüffen; ein Effekt, der sich sehr schnell abnutzt. Sie findet darum nur zur Zeit ihrer Erfindung die Aufmerksamkeit der Leser – und der Künstler.

Heute, im frühen 21. Jahrhundert, ist das Interesse an der Poesie des Zufalls erloschen. Die aleatorische Lyrik ist genauso wie andere Avantgarden zu einer Sache der Lesebücher, Deutschleistungskurse und Germanistikseminare geworden. Doch im Internet findet sich eine Reinkarnation des Lutzprogramms als PHP-Skript, das im Unterschied zum Original beliebige Substantiv/Prädikat-Kombinationen verarbeitet. Mit den richtigen Worten gefüttert, schreibt die Software eine karge und kummervolle Lyrik:

KEIN COMPUTER IST BEWUSST. NICHT JEDER COMPUTER IST SPAET
NICHT JEDER TISCH IST TIEF ODER JEDER ZUFALL IST ERLOSCHEN
NICHT JEDER TAG IST GROSS ODER JEDE POESIE IST GROSS
KEIN TEXT IST WUETEND. JEDER ZUFALL IST FREI

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