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Der Mann im hohen Felsennest

Anfang des 21. Jahrhundert, in einem quantenparallelen Universum ganz in der Nähe. Ein namenloser Kommissär jagt einen Abtrünnigen, einen Gefährder der Ordnung. Es geht um den hundertjährigen Krieg, um das gewaltige Ringen des südeuropäisch-afrikanischen Reichs der fortschrittlichen Schweizer mit dem faschistischen Block der Briten und Deutschen.

Das neue Buch von Christian Kracht erzählt vom Erstarren der Welt in einem ewigen Kampf und von der Alpenfestung, die längst nicht mehr vom schweizerischen Sowjet kontrolliert wird. Es beschreibt das rapide Zerbröseln und Zerfasern einer Ordnung und die Ermüdungsbrüche im spröde gewordenen Gerüst einer Gesellschaft.

Das 20. Jahrhundert beginnt bei Kracht am 30. Juni 1908. Das Tunguska-Ereignis — vermutlich die Explosion eines Meteoriten — zerstört einen großen Teil Russlands und sprengt den Krachtraum von unserem Universum ab. Das durch die Niederlage im russisch-japanischen Krieg taumelnde Riesenreich wird bei Kracht zur leichten Beute. Vermutlich — er nennt das Jahr des Kriegsbeginns ebensowenig wie die Zeit der Romanhandlung — überfällt das ohnehin kampfbereite Deutschland das schwache Russland und so beginnt der Weltkrieg ein wenig früher.

Auch die weitere Entwicklung ist anders: Es gibt keine Sowjetunion, da es für Lenin keinen Grund gibt, in das unattraktive, zerstörte Russland einzureisen. So ruft er lieber nach einigen Kriegsjahren die schweizerische Sowjetrepublik aus. Sie wird ein wichtiger Kriegsgegner für die Deutschen und wandelt sich zu einem Großreich mit Besitzungen in Ostafrika.

Der Roman spielt 95 Jahre später und es ist immer noch Krieg. Die SSR ist ein Staat, der aus wenig mehr als einer ewig fechtenden Kriegerkaste besteht; analphabetische Kampfdrohnen, die auch mal zünftig foltern oder im Vorbeigehen ein Massaker anrichten.

Nur der Kommisär ist anders. Er ist kultiviert, liest und schreibt, und er glaubt an seine Mission. Für den Glauben an die Sowjetmacht wurde der Afrikaner in schweizer Uniform in langen Jahren ausgebildet. Nur ein Gläubiger kann zu einem Abtrünnigen, einem Ungläubigen werden. Und genau in diesem Moment, in dem sich der Kommissär zum Apostaten wandelt, bricht seine Welt vollkommen zusammen.

Das durch die Jahrzehnte der Gewalt gezeichnete Europa ist eine seltsame Kombination aus veralteter Technik und geheimnisvollen Neuentwicklungen — Pferde zur Fortbewegung, aber kybernetische Buchsen am Körper; Zeppeline für strategische Bombardements, aber eine Art Telepathie als Kommunikationskanal.

Lesern von Philip K. Dick kommt dies nur zu bekannt vor: Diesem Meister pointillistischer SF-Szenarien genügen nur wenige Tupfer, um seine Schauplätze fern und fremd zu machen — sprechende Geräte, PSI-Fähigkeiten, autoaktualisierende Zeitungen und salbadernde Kofferpsychiater.

Eine Ebene dieses sehr vielschichtigen, aber dennoch straff erzählten Romans ist eine tiefe Verbeugung vor Philip K. Dick, vor allem vor “The Man in the High Castle”, dem Alternativweltroman schlechthin, auf den mehrmals angespielt wird; zum Beispiel ist hier wie dort das I-Ging ein gängiges Gesellschaftsspiel.

Eine zweite Ebene sind die zahlreichen, geschickt in Motivik und Stilistik versteckten Anspielungen auf Joseph Conrad und Ernst Jünger, vielleicht aber auch Juan Donoso Cortés oder Major Grubert oder Carl Schmitt. Und vieles mehr. Wer Spaß daran hat, kann ein Christian-Kracht-Dechiffriersyndikat gründen und für den Rest seines Lebens auf die Jagd nach den Zeichen gehen.

Doch das ist längst nicht alles. Der Roman von Kracht ist ein spannendes, stilistisch ungewöhnliches Werk, das einen unwiderstehlichen Sog auslöst und in einem Zug gelesen werden muss. Allein die elegante Sprache, die den klassischen Bildungsstil vom Anfang des 20. Jahrhunderts für unsere Gegenwart nutzbar macht, hebt das Buch in einen Bereich weit jenseits des üblicherweise Preiswürdigen.

Der Roman ist Science Fiction, ein postmoderner Abenteuerroman und gleichzeitig eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Krieg in einer Zeit, in der wir Krieg führen, ohne Kriegshandlungen zu unternehmen (oder war es umgekehrt?). Wir sind Konsumenten eines besinnungslosen Politmarketings. Wir haben den Krieg im TV gesehen, wir haben bei Christian Kracht davon gelesen und wir werden dabei sein; auch in diesem Jahrhundert.

Christian Kracht, Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. Kiepenheuer & Witsch 2008, 192 S., 16,95 EUR.

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