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Die Klause unter der Küche

Das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, stammt aus den frühen 1950er Jahren. Es bot seinen Bewohnern damals nur knapp 90 Quadratmeter Platz; zwei kleine Wohnungen mit zwei Räumen und je einer winzigen, wohl nur drei Meter langen und etwas mehr als zwei Meter breiten Küche. Im Obergeschoss war sie nicht ausgebaut, sie wurde dann später mein erstes, winziges Kinderzimmer. Im Erdgeschoss war der Raum schon bald zu klein und meine Großeltern — die Erbauer dieses Hauses — fassten einen Entschluss: Nachdem sie die Hypothek ein Jahrzehnt lang abgetragen hatten, wollten sie an die Küche ein Esszimmer mit einer großen Fensterfront anbauen, ein Bau mit einem Geschoss und einem Flachdach.

Der Grundriss unseres Hauses wiederholte sich auch im Keller, allerdings mit einer bemerkenswerten Ausnahme. Der Anbau war nicht mehr unterkellert, musste aber einen Sockel haben, damit das Esszimmer direkt an das Hochparterre der Küche angeschlossen werden konnte. So entstand darunter eine niedrige Höhle, in der niemand stehen konnte. Mein Großvater nutzte den recht großen Verschlag als Lager für Bohlen, Latten, eiserne Zaunpfähle und manch anderes Material, denn diese Kaverne war nur über das ehemalige Fenster im Raum unter der Küche zugänglich — der Werkstatt meines Großvaters.

Diese Werkstatt war eine Sache für sich. Mein Großvater, ein Bastler aus Leidenschaft, ein Tüftler und Heimwerker, verbrachte viel Zeit in seiner Klause unter der Küche. Ich habe ihn dort oft besucht, in seinem Kabinett der Rätsel, mit vielen seltsamen Kabeln, merkwürdigen Geräten, unbegreiflichen Werkzeugen und geheimnisvollen, angefangenen Werkstücken. Der für mich als 5jährigen stärkste Eindruck war der Geruch. Sonst kannte ich Kocharomen, Pupsgerüche, den stets etwas muffeligen Dunst meines Bettes, das blumige Duften der Waschküche und den würzigen Hauch der Schachtel NIL, die in dem großen Zigarrenaschenbecher auf dem Fensterbrett des Esszimmers steckte. Doch die Werkstatt roch anders, etwas strenger, aber nicht unangenehm. Es war eine seltsame Verbindung aus holzigen, metallischen und mir gänzlich unbekannten Aromen. Der Geruch von schmiedeeisernen Werkzeugen, gesägtem Holz, geschmolzenem Lötfett, zerriebenem Gummi, frisch abgeschnittenem Sisal und manch anderen seltsamen Dingen. Dies war das Reich meines Großvaters. Er muss beinahe jeden Tag einige Zeit dort verbracht haben, denn die Antwort auf die Frage “Wo ist Opa?” lautete immer entweder “Im Garten” oder “In der Werkstatt”.

Von der Ausbildung her nichts weiter als ein einfacher Fernmeldearbeiter, hatte sich mein Großvater als Autodidakt tiefer in die Elektrotechnik eingearbeitet. Ein Lehrbuch für dieses Fach fand ich wenige Jahre später — ich war noch auf der Grundschule, aber mein Großvater lebte bereits nicht mehr — nach hinten geschoben in unserem Wäscheschrank. Das Lesen in diesem Buch war für ihn keine Selbstverständlichkeit, wie überhaupt das Lernen aus Büchern. Er sei nur sieben Jahre in der Schule gewesen, sagte er mir, als meine Einschulung näher rückte, denn plötzlich sei Krieg gewesen. Er sollte seinen im Felde stehenden Vater als Fuhrmann ersetzen. Er habe nicht mehr zur Schule gehen dürfen und folglich nicht annähernd genug gelernt. Doch mein Großvater konnte einiges und beherrschte viele Gebiete der Technik, denn er ließ sich nicht erschrecken — auch nicht von einem Nazilehrer, den er in den späten 1930er Jahren … aber das ist eine andere Geschichte.

Er bastelte also gerne und ausdauernd. Alles, was an oder in dem Haus gebohrt, gesägt, genagelt, gedübelt, verschraubt, gehobelt, geschliffen, gefeilt, gebeizt,  gestrichen, eingespannt, vernietet, gelötet, verklebt, gefliest, ausgeschachtet, eingefasst, verfugt, gemauert, betoniert, verlegt, angebracht, aufgestellt oder auf jede nur denkbare andere Art verbastelt werden musste, war sein alleiniges Gebiet. Die gesamte Elektrik des Hauses, alle Sicherungen, Kabelstrecken und -schächte, alle Steckdosen, alle Deckenanschlüsse, Verteilerdosen und Schalter, selbst der komplizierte Doppelstromkreis mit zwei unabhängigen Schaltern für den Flur; alles war von meinem Großvater verlegt worden. Es funktionierte fehlerfrei und verkraftete auch die seit den 1970er Jahren wachsende Zahl an Stromverbrauchern — die obligatorische Waschmaschine, die Trockenmaschine, zwei Fernsehgeräte, einen Herd, zwei Kühlschränke, einen Eisschrank und später dann meine Anlage mit einem 200-Watt-Stereoverstärker.

Das Basteln muss für ihn ein inneres Erlebnis gewesen sein, denn er nahm deswegen sogar einen Nebenjob an. Obwohl sehr gerne die Freiheiten des Rentners genießend, arbeitete er doch einen Tag in der Woche bei einem nicht weit entfernten Hersteller von Industrieelektronik. Die Firma war um 1970 an der Herstellung von Mainframes beteiligt und spezialisierte sich auf Schaltkreise für eine unterbrechungsfreie Stromversorgung. Ich habe in Erinnerung, dass er den Burscheider Hans Wiener, den Besitzer der Firma, aus dem Krieg kannte, so dass er auch ohne ausreichende formale Qualifikation eine Aufgabe in der Firma erhielt. Leider weiß ich nicht, was er dort gemacht hat. Hat er bei der Entwicklung eines Patents mitgearbeitet? Viele grundlegende technische Lösungen sind von praktisch orientierten Bastlern geschaffen worden. Leider gibt es niemanden mehr, den ich fragen könnte. Aber mir gefällt der Gedanke, dass in jedem Rechenzentrum auf diesem Planeten Spuren des Geistes meines Großvaters zu finden sind.

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