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Still fahren wir nach Haus

Nachmittags bemerke ich immer wieder Mädchen, die aussehen wie die, mit denen ich zur Schule gegangen bin. Eine war mir besonders wichtig. Sie kam immer zu Fuß, da sie in der Nähe wohnte, in einem der neuen Reihenhäuser, schräg gegenüber dem alten, baufälligen Schulgebäude. Sie hieß Jule. Oder Imogen. Oder Claudia.

Was mir in Erinnerung geblieben ist, sind die langen schwarzen Haare, die bis zu den Hüften reichten. Sie trug einen Mittelscheitel, ein buntes Stirnband, und sie ließ die Haare durch ihre Finger gleiten. Nachdenklich verlasse ich das Haus. An der Ampel überholt mich eine kleine Gestalt. Ein Schulmädchen in Schlaghosen, schwarze Haare, zu zwei Zöpfen geflochten, die bis über die Schultern reichen, Ring in der Unterlippe, bauchfreies Top.

Und wieder stehe ich vor den Reihenhäusern. Sie dreht sie sich zu mir um; zuckt mit den Schultern, lächelt verlegen und reicht mir die Hand. “Bis morgen.” – “Bis morgen.” Ich sehe ihr nach, während sie um die Ecke verschwindet.

Auf der anderen Straßenseite hupt es. Der Renault 16 glitzert orange in der Sonne. Mein Vater beugt sich über den Beifahrersitz und öffnet die Tür. Ich setze mich. Er nestelt an der Lenkradschaltung. “Sollen wir noch in die Stadt fahren?” Klar.

Langsam gleiten wir über die Bundesstrasse. Links und rechts flache Täler und leicht gewellte Hügel. Gehöfte mit alten Obstbäumen. Stacheldrahtzäune links und rechts der Strasse. Ein paar Kühe springen auf, als uns ein Lastwagen entgegen kommt.

Ich erzähle ein wenig von der Schule und hoffe, das ich keine Fragen beantworten muss. Dann parkt er vor dem Kiosk, rückt die Sonnenbrille zurecht, und wir steigen aus. “Fanta?” – “Aber immer.” Wir grinsen uns verschwörerisch an.

Ich ziehe den Verschluss ab und schnippe ihn lässig in den Papierkorb. Im Kiosk plappert ein Radio. Mein Vater sieht plötzlich sehr besorgt aus. “… Brandt zurückgetreten … Regierungskrise …” schnappe ich auf. Mein Vater schweigt und ballt die Fäuste.

Still gehen wir zum Auto, still sitzen wir nebeneinander, und still fahren wir nach Haus.

(2004)

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