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Der Mann des Jahrhunderts

Am 28. Juni 1912 reisen der Versicherungsangestellte Dr. jur. F. Kafka und der Postangestellte Dr. jur. M. Brod von Prag nach Leipzig zu einem Treffen mit den Verlegern Ernst Rowohlt und Kurt Wolff. Die beiden jungen Autoren benutzen für die Verhandlungen eine erprobte Arbeitsteilung: Zunächst redet Brod mit den beiden Verlegern allein; dann, am Nachmittag, wird Kafka hinzu gebeten. Durch Brod wohl vorbereitet, sind die Verleger stark interessiert; eine Situation, die der in eigener Sache stets skrupulöse Dr. Kafka niemals hätte aushandeln können. Rowohlt und Wolff versprechen, das erste Buch des Autoren zu veröffentlichen. Dr. Kafka verspricht, bald ein Manuskript zu senden. Danach verlassen die beiden Leipzig.

Die folgenden Wochen beschäftigt sich Dr. Kafka damit, ältere Texte für einen Band mit Erzählungen zusammenzustellen. Am 13. August geht er zu Brod, um das Manuskript abzugeben. Dort lernt er die zufällig anwesende Berlinerin Felice Bauer kennen, in die er sich sofort verliebt. Wenige Tage später beginnt er mit ihr einen intensiven Briefwechsel. Nach kurzer Zeit führt dies zu einer Art von Katalyse. Am 22. September schreibt er in einer Nacht die Erzählung „Das Urteil“. Wenige Tage später schreibt er das erste Kapitel des Romans „Der Verschollene“, das den Titel „Der Heizer“ erhält. Am Morgen des 17. November hat er beim Erwachen die Idee zu der Erzählung „Die Verwandlung“. Dr. Kafka hat Franz Kafka geboren.

Während eines intensiven geistigen Prozesses im zweiten Halbjahr des Jahres 1912 trennen sich die beiden Wesenheiten Dr. Kafka und Franz Kafka. Bis zum frühen Tod von Dr. Kafka sind sie noch in einem gemeinsamen kreativen Universum eingeschlossen, doch spätestens nach 1924 beginnt Franz Kafka ein erstaunliches Eigenleben und wird zum Mann des Jahrhunderts. Seine Geschichten spiegeln die Ängste, Schuldgefühle und Schmerzen seiner Leser. Ihn zu lesen, ist eine therapeutische Erfahrung. Hekatomben von Aufsätzen und Büchern über die Werke und Briefe und die Persona Franz Kafka werden geschrieben, um diese Erfahrung zu verarbeiten und einen Sinn darin zu finden.

Doch Franz Kafka ist ein viel größerer Künstler, als seine Interpreten zulassen. Er erlangt sogar eine sehr bedeutsame Art von Unsterblichkeit: Er lebt in jedem fort, der seine Geschichten mit der gleichen Verwunderung liest, mit der sie geschrieben wurden. Die Kunst von Franz Kafka ist der Ausdruck eines großen Erstaunens: “Wie seltsam ist doch diese Welt.” Franz Kafka beschrieb sie in einem einfachen, zeitlosen Hochdeutsch. Da ist nichts künstlich verkompliziert, nichts übertrieben vereinfacht. Auch seine Geschichten sind einfach. Doch in ihnen ist nichts einfach; sein Protagonist (es ist eigentlich immer derselbe K.) wird vor Aufgaben gestellt, die er kaum bewältigen kann; sie überfordern ihn, verlangen gleichzeitig zu viel und zu wenig.

So lebt Franz Kafka auch im 21. Jahrhundert. Jede Zeit denkt sich ihren eigenen Kafka. Heute ist es vielleicht so: Alle Städte sehen gleich aus, die Fahrzeuge kommen kaum noch vorwärts, unsere Politiker haben botoxglatte Gesichter, die Körper der Hungerkünstler sind das Schönheitsideal, unsere Arbeit besteht aus dem Herumkopieren in Powerpoint-Dateien, die wachsen und wachsen und wachsen. K. wird verleumdet, weil er seinem Kollegen im Weg ist oder weil sein Vorgesetzter eine Entlassungsquote erfüllen muss oder weil er sein 45. Lebensjahr überschreitet — wer weiß das schon so genau in dieser seltsamen Zeit.

Klaus Wagenbach: Franz Kafka. Biographie seiner Jugend.
Wagenbach 2006. 368 S., 29,50 EUR
ISBN 3803136202
Rainer Stach: Kafka. Die Jahre der Entscheidungen.
Fischer 2002. 640 S., 29,90 EUR
ISBN 3100751140
Rainer Stach: Kafka. Die Jahre der Erkenntnis.
Fischer 2008. 726 S., 29,90 EUR
ISBN 3100751191

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