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Wege in den Jazz

Viele Wege führen in den Jazz. Einige heißen immer-Jazz-spielen, jetzt-Jazz-spielen, einfach-Jazz-spielen, Jazz-fühlen, Jazz-denken, Jazz-zum-Nachdenken. Und die vielen anderen, die ich vergessen habe.

Bill Dixon with The Exploding Star Orchestra Christian Prommer's Drumlesson Vol. 1 Nostalgia 77 Octet - Weapons of Jazz Destruction
Christian Scott - Anthem Robert Glasper - In my Element Tord Gustavsen Trio - Being there

  • Zunächst ein Donnersturm aus Kesselpauken. Langsam schält sich flirrender Freejazz aus dem Geprassel, weiter hinten groovt es höllisch und irgendwann diese Trompete, die schräg durch den Raum diffundierende Klangflächen spielt. 60s-Legende Bill Dixon und die jungen Musiker vom Exploding Star Orchestra klingen frisch und knackig. Ihre Musik swingt und groovt, bratzt und kracht. Auch mit der Lupe ist kein Quentchen Jazzimulation für Dreigängemenüs zu entdecken. Dixon ist 83, er hat Kompromisse nicht mehr nötig.
  • Christian Prommer ist als Elektronika-Produzent denkbar weit von Bill Dixon entfernt. Doch in Wirklichkeit und ohne es zu wissen, stehen sie Rücken an Rücken, verteidigen den Jazz gegen neobürgerliche Schleimer und hüftsteife Puristen. Prommer hat ein paar grandiose Musiker aus dem Umfeld von Albert Mangelsdorf und Klaus Doldinger eingeladen, einige bekannte Dance-Hymnen wie “Can You Feel It” oder “Higher State Of Consciouness” zu interpretieren. Und sie legen los, grooven frech und fröhlich, was das Zeug hält.
  • Auch das Nostalgia 77 Octect rockt das Haus. Es hat die akustischen Weapons of Jazz Destruction geladen und feuert ein ganzes Album Big Band Sound auf uns ab — Lalo Schifrin und Quincy Jones galore. Die Musiker spielen auch in der Matthew Herbert Big Band und wissen also, wie messerscharf Bläsersätze sein müssen, wenn ein Produzent von Clubmusik sein Herz für den Crimejazz der 60er entdeckt. Das hört man gerne, öfter, immer wieder.
  • Diesen Sound habe ich seit meiner Kindheit im Ohr: Die unendlich traurigen Lieder der Marching Bands, wenn sie in dutzenden Filmen durch die Straßen von New Orleans ziehen und ein Funeral begleiten. Die Totenmesse für das alte, vom Meer und dem Vergessen überspülte New Orleans gibt der 25jährige Trompeter Christian Scott. Wundervoller, kantiger, melancholischer Fusion mit Hip Hop Beats und einem glänzenden, leicht angerauten, spröden Garagesound aus der Trompete. Da fühlt jemand den Blues, den Jazz und den ganzen Rest.
  • The Bridge is over: An Hip Hop kommt niemand vorbei, auch Robert Glasper nicht. Der Pianist jammt gerne mit Leuten wie Mos Def, Kanye West, Talib Kweli oder Common. Schleppende Beats auf knalligen Snares, ein mit dem Daumen gezupfter Bass, nachlässig zwischen den Zähnen hervor gepresste Raps; und dazu dieser ebenso lyrische wie sanft druckvolle Anschlag, der ein Klavier in einen schwirrenden, girrenden Klangkörper verwandelt — oder in eine Waffe.
  • Aber hier ist kein Waffenwetter, auch wenn die Cover gerne wolkenverhangene Landschaften zeigen: Die “Edition of Contemporary Music” aus München gehört neben “Impulse!” zu den einzigen Labels der Jazzgeschichte, die einen wirklich durchgängigen — in der Musik wie im Design erkennbaren — Labelstyle geschaffen haben. In den bald 40 Jahren seiner Geschichte gab ECM immer wieder großartige Platten heraus; vor kurzem zum Beispiel “Being there” vom Tord Gustavsen Trio aus Norwegen. Es ist die Klangphilosophie von ECM in nuce: Klar, transparent, jenseits des 55. Breitengrads.
  • Und als Bonus die schrägste Kapelle des erforschten Universums: Im Oktet Hypnotic Brass Ensemble spielen sieben Brüder, nämlich die Söhne des Trompeters, Kornettisten, Harfenisten und Members of the Sun Ra Arkestra Phil Cohran. Außerirdisch!

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