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Der Bildungsbürger im Krieg

Rom, Hauptbahnhof, im Sommer 1943. Ein Enddreißiger sitzt auf dem Vorplatz in der Sonne, beobachtet das Kommen und Gehen der Menschen. Hin und wieder kritzelt er in sein Tagebuch. Auch ohne Uniform erkenne er einen Offizier sofort an seinem dümmlich-brutalen Gesicht, notiert der Gefreite Gerhard Nebel aus Koblenz.

Von Paris versetzt, ist der Altphilologe und Studienrat, Reiseschriftsteller und Jünger-Freund unterwegs nach Süditalien, als Dolmetscher zum Stab der Luftwaffe abgeordnet. In den folgenden eineinhalb Jahren wandert er maximal drückebergerisch einmal längs durch Italien und wieder zurück – bemüht, vom Militärzirkus unbehelligt zu bleiben.

In dieser Zeit leert er einige hundert Flaschen Wein, liest sich durch Stapel von Büchern, kommentiert sarkastisch die monatelang ergebnislosen Versuche des Stabsadjutanten, eine Affäre zu bekommen, wird bombardiert und beschossen, hat selbst ein paar Affären, organisiert Gänse und Schweine, übernachtet in feuchten Zelten, befreit Italiener aus dem Gefängnis, richtet ein Wehrmachtsbordell ein, leitet eine Organisation von Frontläufern, dolmetscht ein bisschen, verliebt sich in eine sehr junge und sehr melancholische Italienerin, wohnt ein paar Wochen in einem alten Kastell, drückt sich permanent vor dem regulären Dienst, zieht sich schließlich über die Alpen nordwärts zurück und lässt sich von US-Truppen gefangen nehmen.

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Gerhard Nebel hat sich nicht gemein gemacht mit den Nazis; ihm fehlt auch der Opportunismus des Karrieremenschen. Die Arbeit als Gymnasiallehrer musste er aufgeben, die Reiseschriftstellerei wählte er als innere Emigration. Obwohl ihn seine Bildung für den Offiziersrang bestimmt, unternimmt er alles, um kein Unteroffizier zu werden. Als er eines Tages überraschend im Rang erhoben wird, sorgt er durch aufmüpfiges Benehmen schnell für Abhilfe. Nebel dürfte einer der wenigen Soldaten im Dritten Reich gewesen sein, die ihre Degradierung mit Strömen von Wein und dem Verlesen von Gedichten bejubelt haben.

Diese Anekdote ist Teil der Kriegstagebücher Nebels. In den drei nur noch antiquarisch erhältlichen Bänden “Bei den nördlichen Hesperiden” (1948), “Auf ausonischer Erde” (1948) und “Unter Partisanen und Kreuzfahrern” (1950) berichtet Gerhard Nebel aus der Position des antinazistischen Außenseiters über seine Wehrmachtszeit auf den Kanalinseln und in Italien.

Er gestaltet die drei Bände wie eine Abenteuer-Erzählung, die Elemente der Reiseliteratur mit denen des Schelmenromans mischt. Meist ist der Gefreite Nebel auf der Flucht vor ungnädigen Offizieren oder seinem Spieß. Krieg ist für ihn die permanente Verteidigung der Person vor den Zumutungen einer ausgefeilten und wie ein preußisches Amt organisierten Kriegsbürokratie.

Im Laufe der Zeit gewinnt er Geschick darin, die Bürokratie umzuwenden zu einer Waffe gegen sie selbst. Muss er im ersten Band noch regelmäßig durch Schlamm robben, so lernt er im zweiten, die Gefahren rechtzeitig zu erkennen und ihnen geschickt auszuweichen. Der dritte Band präsentiert den Gefreiten als Virtuosen im Nutzen von Privilegien, die ihm nicht zukommen.

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Diese Geschichte könnte ein Bildungsroman sein; um so mehr, da es dauernd um Kunst und Literatur und die lateinische Antike geht. Doch der Gefreite Nebel geht unverändert durch die Handlung hindurch. Er ist am Ende des Krieges derselbe wie am Anfang, denn der Antifaschismus des Gefreiten Nebel bleibt leider folgenlos. Zwar hasst Nebel Nazis und Militärs. Doch er verachtet sie in erster Linie wegen ihrer Kulturlosigkeit.

Gerhard Nebel ist gebildet, sympathisch und vermag spannend zu erzählen; aber er ist auch elitär und kein Demokrat. Er interpretiert den Nationalsozialismus als Folge des Ungenügens der Demokratie und glaubt, der Nihilismus – die Verneinung traditioneller Werte – sei seine Ursache. Es ist ihm nicht möglich, den Nationalsozialismus als Folge des Versagens seiner eigenen Klasse zu erkennen. Die naserümpfende Distanzierung von der Politik, die Abgrenzung vom Pöbel, das Betonen humanistischer Bildung bei völligem Fehlen von Schlüssen aus diesem Humanismus – darin zeigt sich das Versagens der Bildungsbürger.

Dies wird in zwei Hinsichten in den Büchern von Nebel besonders deutlich. Erstens sind die aberhundert Seiten Kriegserinnerungen überzogen mit der Tünche der Kulturistik. Jedes Erlebnis, jedes Ereignis wird gekälkt mit der traditionellen Kultur des Abendlandes. Ein Beispiel: Die Schilderung eines brennenden Hauses führt Nebel mit der Beschreibung eines Feuers bei Horaz zusammen. Das Geschehen um Nebel herum dringt in sein räsonnierendes Ego in erster Linie in Form von Zitaten und Anspielungen – als Auspuffwolke eines hochtourig laufenden, lateinisch-altgriechischen Assoziationsmotors, der alles und jeden mit einem feinen Belag aus Staub überzieht.

Zweitens wird jedes Ereignis gefiltert durch Desinvolture. Dieser Begriff ist von Ernst Jünger geprägt worden, Gerhard Nebel hat ihn übernommen. Gemeint ist der Status des reinen Beobachters, der die Weltläufte registriert, sich aber nicht darin verwickelt. Desinvolture ist nicht Tünche, sondern Panzer. Wer die Kulturistik von den Kriegstagebüchern Nebels abwäscht, stößt auf blanken Stahl.

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Nach 1933 ist niemand mehr Beobachter, er hat bereits (und sei es durch Unterlassen) gewirkt. Hitler, der Nationalsozialismus, der Holocaust und der Zweite Weltkrieg sind nicht vom Himmel gefallen. Doch die Klasse, der Nebel angehörte, war in einem Punkt auf Seiten der Nazis – in der Ablehnung der Demokratie. Desinvolture ist bei Nebel eher eine Abwehr der Erkenntnis, die Gesellschaft geopfert zu haben für den Kampf gegen die Demokratie.

Die Kriegstagebücher von Gerhard Nebel rufen nach einer Neuedition, da sie das Versagen der kulturellen Intelligenz im Dritten Reich deutlich abbilden. Die drei Bände machen die seltsame Koexistenz von humanistischer Bildung und totalitärem Staat verständlicher. Aus der Sicht Anfang des 21. Jahrhunderts gelesen, klären sie den Blick auf eine ferne Zeit.

Sie demonstrieren das Ungenügen eines Bildungsideals, das allein auf kontemplative Betrachtung Wert legt und außer gebildeten Randbemerkungen kein Eingreifen nahe legt. Der Bildungsbürger deutscher Prägung erscheint als leer laufende Büchmannmaschine, die zu jeder Situation die passende Klassikerstelle, aber nicht die angemessene Handlung kennt.

Dr. phil. Gerhard Nebel (1903 – 1974)
Studierte Philosophie – u. a. bei Heidegger und Jaspers – sowie Altgriechisch und Latein. 1928 trat er in den höheren Schuldienst ein und wurde 1933 aus politischen Gründen entlassen. Nach 1945 war er bis 1955 Studienrat in den Westzonen. Sein schriftstellerisches Werk umfasst Reiseerzählungen, philosophische und altphilologische Essays zur griechischen und römischen Antike sowie Essays über seinen Freund und sein Vorbild Ernst Jünger.

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