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Codex Vindobonensis 324 “Tabula Peutingeriana”

Die Moderne ist nur Zellophan über der Geschichte. Gut sichtbar zeichnet sich die Vergangenheit ab. Im Rheinland sind die zwei Jahrtausende alten Trassen der Römerstraßen leicht zu erkennen — als moderne Straße, als Feldweg, als Gemarkungsgrenze, als Baumstreifen, als dunkel gefärbter Pflanzenwuchs.

Die drei westlich des Rheins liegenden Provinzen Germania Superior, Gallia Belgica und Germania Inferior waren von vielen Straßen durchzogen. In erster Linie verbanden sie die Hauptorte und Legionslager. Die Trasse zwischen den beiden Verwaltungszentren Trier und Köln führt heute durch die Altstadt von Zülpich. Dort heißt sie Römerallee, wird in Richtung Köln zur Bundesstraße B 265 und bald zu einer Nebenstrecke — Römerstraße genannt –, die in einen Landwirtschaftsweg übergeht, der bis nach Erftstadt-Lechenich führt und dort erneut Römerstraße heißt.

Hier wird sie von Äckern zerteilt, in deren Mitte sie jedoch als dunkel gefärbter Streifen erkennbar bleibt. Dann verlässt sie Erftstadt, führt noch einige Kilometer als perfekte Gerade durch die Landschaft und verliert sich allmählich in den zersiedelten und aufgeschürften Industrierevieren der Moderne. Erst auf Kölner Boden ist die Trasse wieder deutlich zu sehen; sie heißt dort Luxemburger Straße.

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Das Imperium Romanum besaß etwa 80.000 Kilometer gut ausgebaute Hauptstraßen und noch einmal so viele provinziale Nebenstrecken. Auch damals halfen Karten bei der Planung einer Reise, und eine davon hat die Zeitläufte glücklich überstanden: Der Codex Vindobonensis 324, der Tabula Peutingeriana genannt wird und in der österreichischen Nationalbibliothek in Wien liegt.

Tabula Peutingeriana (Quelle: Wikipedia - Public Domain)

Diese mittelalterliche Kopie einer römischen Straßenkarte umfasst das gesamte Imperium und den Orient. Sie zeigt die wichtigsten Haupt- und Nebenstraßen sowie wichtige Handelswege in den östlichen Haupthandelsregionen Persien, Indien und China — insgesamt rund 200.000 Kilometer. Allerdings ist sie keine physikalische Karte, sondern ein Kartogramm. Am ehesten ist sie mit einem Nahverkehrsplan zu vergleichen. Gleich diesem ist sie nicht maßstabsgerecht.

Die Kartogramme der Gegenwart konzentrieren sich auf ein einzelnes Verkehrssystem wie U-Bahn, S-Bahn oder Straßenbahn. Diese Systeme sind zumeist kreisförmig auf ein Ballungszentrum hin ausgerichtet, entsprechend ist der Nahverkehrsplan zur Mitte hin gestaucht. So haben alle Ziele gleiche Abstände, auch die weiter auseinander liegenden am Rand. Das Kartogramm zeigt also lediglich die Topologie, die räumlichen Beziehungen von Orten.

Dieser reine Überblickscharakter ist dem kleinen Format geschuldet: Der Plan muss selbst bei einem großen Verkehrsnetz handlich und leicht zu lesen sein. In den 1920er Jahren hat der technische Zeichner und Grafikdesigner Harry Beck dieses Prinzip für die Londoner U-Bahn erfunden. Es ist inzwischen der Standard für die Darstellung von Nahverkehrssystemen.

Der unbekannte Gestalter der Urversion der Tabula Peutingeriana hatte allerdings eine deutlich schwierigere Aufgabe. Eine sinnvolle Karte des römischen Straßennetzes musste einfach zu nutzen sein. Eine Darstellung der Topographie des Imperiums hätte eine Karte von einigen Metern in der Höhe und der Länge ergeben. Der römische Kartograph wählte die Lösung, die Karte in der Höhe extrem zu stauchen. Dadurch enstand eine Pergamentrolle von fast sieben Metern Länge, aber nur 34 Zentimetern Höhe. Diese sehr kleine Buchrolle störte nicht im Marschgepäck.

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Trotz der starken Verzerrung bietet die Peutingeriana viele Informationen. Größere zusammenhängende Waldgebiete und Gebirge sind als vereinfachte Symbole dargestellt. Auch Flüsse sind nur im Zusammenhang mit Brücken einigermaßen präzise gezeichnet. Neben dem Straßenverlauf sind die Orte die wichtigste Information der Peutingeriana. Sie nennt die Namen von etwa 4000 Städten, Orten, Rasthöfen und Heiligtümern, die alle als Häkchen in der roten Linie der Straße dargestellt sind.

Auffällig sind die Vignetten, mit denen ein Teil der Orte gekennzeichnet ist. Ihre Größe und Ausführung hat wenig mit der Bedeutung des Ortes zu tun. Statt dessen geben sie touristische Informationen. Ein rechteckiges Gebäude zum Beispiel symbolisiert einen größeren Gasthof. Das Straßennetz besaß in regelmäßigen Abständen unterschiedlich ausgebaute Raststationen. Zum Teil waren dies nur Pferdewechselstationen für den imperialen Postdienst Cursus Publicus. Anderswo gab es bequeme Rasthöfe mit Kost, Logis, Hypocaust-Heizung und Thermalbad.

Die Orte oder Stationen lagen in Abständen von ungefähr 25 Meilen (37 Kilometer). Diese Entfernung entspricht dem typischen Tagesmarsch einer Legion unter Friedensbedingungen. Obwohl die Römer nur ungern von einer regelmäßigen Struktur abwichen, sind die Abstände zwischen den Orten nicht immer gleich. Deshalb gibt die Karte ebenfalls die Entfernung zwischen zwei Streckenpunkten an.

Dabei steht der Wert in der regional jeweils gebräuchlichen Entfernungseinheit. Meist sind dies römische Meilen (1481,50 Meter), nur in Gallien, Germanien und Britannien werden keltische Leugen (2450 Meter) und im Orient mesopotamische Parasangen (5600 Meter) genutzt. Dadurch ist die Karte nicht nur vertikal, sondern auch horizontal gestaucht. Im westlichen Teil des Imperiums ist der Maßstab stark verringert und im Orient sogar extrem, so dass der mittelmeerische Kernbereich den größten Teil einnimmt.

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Die Tabula Peutingeriana stammt mit Sicherheit aus der Zeit nach 330 (Weihung von Konstantinopel als neue Hauptstadt), da diese Stadt neben Rom und Antiochia als bedeutend hervorgehoben ist. Doch sie geht mit gleicher Sicherheit auf älteres Material zurück, da sie Pompeji (79 n. Chr. verschüttet) am Fuße des Vesuv verzeichnet.

Bei der Erstzeichnung wurde vermutlich die (verlorene) Karte des Marcus Agrippa genutzt. Die detaillierte und durch Landvermessung überprüfte Weltkarte war seit 13 v. Chr. in Rom und vielen größeren Städten des Imperiums öffentlich ausgestellt. Die Ausgangsdaten der Peutingeriana wurden mehrfach bearbeitet, allerdings ist sie nicht vollkommen fehlerfrei. So finden sich einige Schreibfehler und ein paar geografische Irrtümer. Doch es gibt auch fehlende Orte.

Ein Beispiel dafür findet sich in Germania Inferior: Tolbiacum (Zülpich) liegt rund 25 römische Meilen Luftlinie von der Colonia Claudia Ara Aggripinensium CCAA (Köln) entfernt. Der Ort war ein Verkehrsknotenpunkt am Fuße der Eifel. Hier trafen sich sechs römische Straßen aus Colonia Augusta Treverorum (Trier), Durocortorum Remorum (Reims), Novaesium (Neuss), Castra Bonnensia (Bonn), CCAA und Iuliacum (Jülich).

Dieser Vicus ist erstaunlicherweise nicht in der Peutingeriana verzeichnet, sondern nur das weiter in der Eifel liegende Marcomagus (Marmagen). Es muss offen bleiben, ob der Kopist den Ort vergessen hat oder ob die Quellen der Karte fehlerhaft oder unvollständig waren. Eines ist aber sicher: Die geografischen Informationen der Karte sind nach dem 4. Jahrhundert nicht mehr ergänzt worden, da in Germania Inferior Orte verzeichnet sind, die im 5. Jahrhundert zerstört und nicht wieder aufgebaut wurden.

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Das weitere Schicksal der Karte ist durch archivalisches Glück und den Zufall bestimmt. Das Original übersteht die folgenden Jahrhunderte vermutlich in der Bibliothek des Klosters Reichenau. In dessen Skriptorium wird irgendwann im 12. Jahrhundert eine Kopie gezeichnet. Um 1507 entdeckt der Wiener Humanist Conrad Celtis die Karte in Reichenau und übergibt sie dem Augsburger Humanisten Konrad Peutinger. Dieser organisiert einen Nachdruck, der erst 1598 posthum erscheint.

Danach verschwindet die nun Tabula Peutingeriana genannte Karte wieder. Erst 1720 taucht sie in einem Leipziger Antiquariat auf und wird von Prinz Eugen von Savoyen erworben. Nach dessen Tod gelangt sie 1736 in die Kaiserliche Hofbibliothek und wird später als Codex Vindobonensis 324 in der österreichischen Nationalbibliothek katalogisiert. 1887 publiziert ein Verlag ein Faksimilie, davon erscheint 90 Jahre später ein Nachdruck. Anfang des 21. Jahrhunderts wird eine niedrig aufgelöste Digitalkopie des Faksimiles in die Bibliotheca Augustana und damit in das Internet aufgenommen. Ob sie nun dauerhaft im Gedächtnis der Menschheit bleibt?

Codex Vindobonensis 324 “Tabula Peutingeriana”.
Österreichische Nationalbibliothek, Wien.

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