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Codex Vindobonensis 93 “Medicina Antiqua”

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Die Überlieferung von Büchern der Antike ist kein breiter Strom, sondern ein schmales Rinnsal. Das meiste ist verloren, höchstens ein Werk von tausend hat die Zeiten überdauert. Vieles ist nur durch Zufall erhalten geblieben, zum Beispiel als Palimpsest: Weil an Pergament gespart werden musste, schrieben die mittelalterlichen Buchproduzenten oft auf ältere, vorher ausradierte Buchseiten.

Solch einem überschriebenen Buch verdanken wir die Kenntnis Ciceros “De re publica”, das bis zur Entdeckung im Jahr 1819 als verloren galt. Ein neueres Beispiel ist ein Buch von Archimedes, das erst vor wenigen Jahren restauriert werden konnte. Wichtige Werke, zum Beispiel große Teile der römischen Geschichte von Cassius Dio, sind nur als Paraphrase und Zitatkonvulut in einigen kompilatorischen Übersichtswerken erhalten.

Andere Bücher sind jedoch in größerer Zahl überliefert. Ein Beispiel dafür ist die Medicina Antiqua genannte Sammlung spätantiker Medizintraktate verschiedener Autoren, die im 4. oder 5. Jahrhundert entstanden sind. Die früheste erhaltene Handschrift stammt aus dem 6. Jahrhundert. Insgesamt gibt es 50, teilweise leicht voneinander abweichende Handschriften.

Der Codex Vindobonensis 93 entstand in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts in Süditalien und ist die Kopie eines Originals aus dem 6. Jahrhundert. Er gehört zu den interessantesten und wegen seiner einzigartigen Buchmalerei auch schönsten medizinischen Handschriften des Mittelalters. Darin überliefert sind rund 200 Pflanzenmonographien, die größtenteils sehr knapp im Lexikonstil geschrieben sind. Außerdem gibt es 32 Monographien über die medizinische Wirksamkeit von Tierprodukten sowie weitere Texte medizinischen Inhalts.

Die Medicina Antiqua ist kein Erzeugnis der naturphilosophisch orientierten griechischen Medizin wie die Werke des Pharmakologen und Militärarztes Dioskurides (1. Jh.) oder des Anatomen und Chirurgen Galenos (2. Jh.). Die Sammlung wendet sich an den medizinischen Laien und ist ein Handbuch für die Selbstmedikation. Dabei werden auch volksmedizinische und magische Praktiken erwähnt — bei Leistenschmerzen zum Beispiel das Festbinden von Schwarzem Bilsenkraut am Bein.

Ein umfangreiches Herbarium aus Pflanzenbildern hoher Qualität ergänzt die Monographien. Doch dies ist nur ein Teil des Bildschmucks. Besonders ansprechend sind die zahlreichen Darstellungen von Genreszenen aus der Praxis spätantiker bzw. frühmittelalterlicher Ärzte.

Eine verblüffende Zugabe: Ein halbes Jahrhundert nach Abschluss des Codex hat ein zeichnerisch begabter Besitzer oder Leser — sehr wahrscheinlich ein Mediziner — auf vielen Seiten Federzeichnungen mit Szenen aus der Sprechstunde eines mittelalterlichen Arztes eingefügt. Diese zeitgenössischen Bilder wirken spontan und ausdrucksstark, wie eine Karikatur des Ärztealltags.

Die Medicina Antiqua besaß — wie viele medizinische Schriften der Antike — eine enorme Autorität, so dass sie nicht nur die Bücherverluste der Spätantike überdauerte, sondern auch die Erfindung des Buchdrucks. Das erste gedruckte Buch zu Medizin und Pharmazie überhaupt ist die Medicina Antiqua. 1481 erschien ein Druck nach einer im 9. Jahrhundert kopierten Handschrift aus dem Kloster Monte Cassino. Im Jahrhundert darauf wurde die Schrift in sechs verschiedenen Editionen aufgelegt.

Seit dem dem frühen 18. Jahrhundert ist der Codex Vindobonensis 93 in der Wiener Hofbibliothek (jetzt: Nationalbibliothek) verzeichnet. In den 1970er Jahren wurde er faksimiliert und in einer heute selten gewordenen Ausgabe veröffentlicht. Seit Mitte der 1990er Jahre ist ein verkleinerter Nachdruck greifbar, der trotz des geringen Formats die buchkünstlerische Größe des Codex zeigt.

Codex Vindobonensis 93 “Medicina Antiqua”
Österreichische Nationalbibliothek, Wien.
Verkleinertes Faksimile:
Akademische Druck- und Verlagsanstalt 1996. 107 S., 89 EUR.
ISBN: 3201016594

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