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Lord of Thrill

Robert Harris ist ein verlässlicher und disziplinierter Autor — die Trilogie über die in beiden Richtungen steile Karriere des römischen Anwalts, Politikers und Redners Marcus Tullius Cicero sollte also längst beim zweiten Teil angekommen sein. Doch manchmal gibt es wichtigere Dinge, zum Beispiel mit alten Freunden abrechnen.

Der 50jährige Ex-BBC-Reporter Harris ist nicht nur ein enttäuschter Blair-Fan, er ist einer der besten Thriller-Autoren der Welt. Und seit “Pompeiji” gehört er zu meinen Lieblingsautoren im Spannungs-/Entspannungs-Genre. Harris gelingt mit diesem Buch etwas Verblüffendes: Er erzählt ein in aberdutzenden Historienschinken und Bildbänden ausgelutschtes Thema völlig neu: Den Untergang von Pompeji beim Ausbruch des Vesuv 79 n. Chr. Dafür nimmt er die Perspektive eines vom Kaiser entsandten Wasserbaumeisters ein. Der soll mit Unterstützung von Flottenadmiral Gaius Plinius Secundus die Aqua Augusta reparieren und gerät dabei in einen Sumpf aus Korruption und Nepotismus.

Auch “Imperium”, der erste Teil der erwähnten Trilogie, widmet sich einem altbekannten Thema, dem Ende der römischen Republik. Damit hat sich Harris bei den Klassikern der modernen Antike-Beschwörung eingereiht. Die Trias aus Robert Ranke-Graves “Ich Claudius, Kaiser und Gott”, Marguerite Yourcenars “Ich zähmte die Wölfin” (über Hadrian) und Thornton Wilders “Die Iden des März” (über Cäsar) hat eine würdige Ergänzung gefunden.

Das neue Buch mit dem Titel “Ghost” spielt nicht in der Vergangenheit, sondern in der nur leicht verzerrten Gegenwart: London wird von regelmäßigen Selbstmordanschlägen erschüttert. Der Expremier Adam Lang sich auf Martha’s Vineyard in den USA zurückgezogen, um an seinen Memoiren zu arbeiten — oder vielmehr, arbeiten zu lassen. Allerdings ist der bisherige Ghostwriter bei einem Unfall gestorben und nun muss der Ich-Erzähler weiterarbeiten. Doch dazu kommt er kaum, denn Lang wird vom UN-Menschenrechtstribunal wegen Foltervorwürfen angeklagt. Zu recht? Schnell stößt der Ghostwriter bei seinen Recherchen auf die Wahrheit.

Die Abrechnung mit Blair, den Harris im ersten Wahlkampf wohlwollend unterstützt hat, ist polemisch, bissig, fesselnd und entlarvend. Dem Buch ist deutlich anzumerken, dass es für Harris Verhältnisse ziemlich fix und mit Verve geschrieben wurde. Der Aufbau ist deutlich weniger komplex als zum Beispiel “Imperium”. Auch der Stil ist rauer und ungeschliffener; was allerdings gut zu dem klassischen Noir-Plot vom Typ “Rauhbein mit Herz wird in Intrige hingezogen” passt. Kurz und gut: Unbedingt lesen.

Robert Harris: Pompeji.
Heyne 2004. 380 S., 19,95 EUR
ISBN 3453877489
Robert Harris: Imperium.
Heyne 2006. 475 S., 19,95 EUR
ISBN 3453265386
Robert Harris: Ghost.
Heyne 2007. 400 S., 19,95 EUR
ISBN 3453265750

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