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Flugträume und Schwebeklänge

File under Jazzbient, Jazzylectro, Funkpopalistics, Fakesploitation, Postjazz — wer unbedingt ein paar griffige, zur klassischen Phase der Spex kompatible Genrenamen haben möchte, sollte an diesen praktischen und disktinktionsgewinnlerischen Wortgetümen seine helle Freude haben. Alle anderen dürfen die Musik genießen.

Jazzbient: Cinematic Orchestra Jazzylectro: Life Force Trio Funkpopalicstics: Root 70

Fakesploitation: Budos Band= Postjazz: Bluebridge Quartet

The Cinematic Orchestra arrangiert in bisher vier Alben (Motion, Every Day, Man With the Movie Camera, Ma Fleur) eine lange Reise über den Ozean des Klangs. Das erste Album ist noch ganz einem idealisierten Jazz verpflichtet, so dass es wie ein Impulse-Album klingt, sofern es heute noch Impulse-Alben gäbe. Das zweite Album geht weiter, viel weiter: Es ist Fusion, es ist elektrisch beseelter Blues, es ist ein leicht melancholischer Groove, gemischt mit dem Knistern einer alten Vinylplatte und dem Widerschein von Hip Hop. Das dritte Album markiert einen Übergang, denn die Geschichte vom Kameramann ist ein Moviesoundtrack, eher ein funktionaler Hintergrund als ein Konzert, Music for Showrooms gewissermaßen. Das letzte Album Ma Fleur wirkt durch seine störrische Verweigerung von Sperrigkeit wie ein radikales Gesamtkunstwerk aus sanft swingender Ambient Music; Jazz kurz vor der Selbstauflösung, vor dem Verschwinden am Ereignishorizont.

The Life Force Trio knistert, knirscht, klickert und krackelt. Ein hektisch pulsierender Bass, nervös klirrende Percussion. Langsam schält sich ein elektronischer Beat aus dem Frickeljazz heraus. Das Stück geht über in ein wenig bewegtes, beinahe technoides Largo mit der langsam intensiver werdenden Improvisation eines Streichquartetts. Auch hier wieder die Assoziation, Musik von einem klassischen Jazzlabel zu hören — diesmal ist es ECM. Ich drehe meinen Funkkopfhörer lauter, lehne mich zurück und betrachte die Musik vor meinem Auge. Ich erkenne ein Klavier, ein Rhodes. Ich bin auf eine stille Weise glücklich.

Root 70 gehen in ihrem Album Heaps Dub den umgekehrten Weg, sie spielen elektronische Stücke von Burnt Friedman akustisch. Und Burnt Fiedman entführt die Bänder, jagt sie noch einmal durch seine Filter. Das Ergebnis ist unglaublich funky und klingt wie organischer, schweißdampfender Jazz mit Bläsersätzen wie Rasierklingen. Doch diese Musik besteht aus Wiederholungsstrukturen, wie sie in der elektronischen Musik üblich sind. Kann es eine bessere akustische Verdeutlichung des Begriffs ‘kongenial’ geben?

The Budos Band ist eine Art Fake und klingt originaler als das Original. 70er Jahre Crime Jazz aus B-Filmen, einmal Blaxploitation und zurück. Diese Band hat sich ganz dem Dreieck aus Funk und Jazz und Soul verschrieben. Sie spielt ihre Stücke wie zu den Zeiten, als noch Blut floß auf Konzerten, als noch Seelen abgefackelt wurden, als die Leute noch schrien bei einem besonders fantastischen Riff. Es geht um Wüstenjazz; um heißen, glühenden, lodernden, tosenden Schmerzjazz.

The Bluebridge Quartet spielt Jazz. Ja, genau: Jazz. Er klingt modern und tänzerisch. Er ist weit jenseits von musikakademischen Angestrengtheiten. Er hat den Charme frecher Jungs. Einfach drauf los gespielt. It’s only Jazz, but I like it.

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