Skip to content

Alien

Ein alter Krieger zittert nicht.
(Ernst Jünger, Siebzig verweht V, 15.12.1995)

In einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick ersetzen Außerirdische nach und nach die echten Menschen. Die langsame Diffusion der Aliens in die menschliche Gesellschaft dauert Jahrhunderte. Doch allmählich verändert sich die Menschenwelt, sie wird immer außerirdischer, immer kriegerischer. Äußerlich ist nichts zu bemerken. Die langlebigen Aliens wechseln etwa alle 75 Jahre den Körper und existieren als (scheinbar) normal aufwachsendes Kind weiter.

Doch in den späten 1990er Jahren fliegt die Sache auf, denn ein Invasor gewöhnt sich zu sehr an das menschliche Leben. Er wohnt am Bodensee und hat seine Tarnung für ein Leben in der Öffentlichkeit aufgelockert: Er ist ein bekannter und umstrittener Schriftsteller. Als er dann noch den Körpertausch verweigert und ohne nennenswerte Krankheit und Alterung über hundert Jahre alt wird, merken die Leute, das etwas nicht stimmt.

Diese bemerkenswert ironische Kurzgeschichte stammt aus den späten 1950er Jahren. Es ist nicht der einzige Auftritt von Ernst Jünger (* 29. 3. 1895 † 17. 2. 1998) in den Werken von Philip K. Dick, aber ein prophetischer — Jünger wurde 102 Jahre alt und schrieb bis wenige Wochen vor seinem Tod. Auch in anderer Hinsicht trifft die PKD-Geschichte genau den Kern: Ernst Jünger ist der Alien der deutschen Literatur.

Es ist überflüssig, hier noch einmal die gängigen Stichworte der Jünger-Ablehnung aufzuzählen, er ist trotzdem nicht kleinzureden. Doch auch jenseits der Verachtung ist Jünger kein einfaches Feld, denn die ernsthafte Jünger-Philologie — verglichen zum Beispiel mit Bert Brecht oder Thomas Mann — steckt beinahe noch in den Kinderschuhen. Seit Karl-Heinz Bohrers Studie “Ästhetik des Schreckens” ist Jünger nur ausschnittweise näher untersucht worden. Vor allem die Fixierung auf die frühen Kriegsbücher und die politische Publizistik der 1920er Jahre behindert eine umfassende Würdigung.

In diesem Herbst sind, das 10. Todesjahr im Blick, gleich drei neue und interessante Bücher erschienen, davon zwei Lebensbeschreibungen. Das zu einer Person gleich zwei Biographien parallel erscheinen, passiert nicht oft. In diesem Jahr ist es allerdings gleich ein zweites Mal passiert, auch Kleist findet zwei neue Biographen. Von einer Krise des Buches kann da keine Rede sein … Aber dies nur am Rande, denn ob zwei Kleist-Bücher notwendig sind, weiß ich nicht, aber bei Ernst Jünger kann ich sagen: Beide sind unbedingt zu empfehlen.

Jünger debütierte als 25jähriger mit seinem Kriegstagebuch “In Stahlgewittern” und beendete seine Schriftstellerkarriere 1996 mit dem Erscheinen des fünften Bandes seines nach dem 70. Geburtstag begonnenen Tagebuchwerks “Siebzig verweht”. Dazwischen liegt nicht nur die bekannte Weltgeschichte des 20. Jahrhundert, sondern auch ein heterogenes Werk aus Tagebüchern, politischer und philosophischer Essayistik, Kriegsbüchern, Erzählungen, Romanen, Ausflüge in die Science Fiction und einem Versuch im Krimigenre, den er als 90jähriger wagte.

Helmuth Kiesel schildert Leben und Werk von Jünger stark analytisch und in eher literaturwissenschaftlichen Zusammenhängen. Heimo Schwilk dagegen gelingt durch seine Freundschaft zu Jünger und seinen journalistischen Ansatz eine etwas dichtere Beschreibung des Menschen Ernst Jünger. Das ungewöhnlichste Buch zu Ernst Jünger aber ist eine Sammlung der Jünger-Essays von Hans Blumenberg: Er fühlt sich dem Alien der deutschen Literatur verwandt und kann sich gut in Jüngers Werk hinein denken, ohne zum kritiklos Bewundernden zu werden.

Die titelgebende, stimmige Metapher vom Mann im Mond bezieht sich auf eine Anekdote, die Jünger in seinen Tagebüchern schildert. Der noch nicht 20jährige Soldat vermisste auf seinen nächtlichen Märschen durch die Gräben einen Weggefährten.

Aus diesem Grunde wählte ich mir gern einen Mann vom Monde zum unsichtbaren Begleiter, wenn mich ein nächtlicher Marsch durch die Phantastik zerschossener Dörfer zur Stellung führte. [...] Ihm diesen unerhörten Vorgang bis in seine kleinsten Einzelheiten zu erklären und mich an seinem Erstaunen zu weiden, war mir ein einsamer Genuss.

Hans Blumenberg nennt Ernst Jünger einen Apokalyptiker mit Sicherungen.

Helmuth Kiesel: Ernst Jünger.
Siedler 2007. 720 S., 24,95 EUR
ISBN 3886808521
Heimo Schwilk: Ernst Jünger.
Piper 2007. 560 S., 24,90 EUR
ISBN 3492040160
Hans Blumenberg: Der Mann vom Mond.
Suhrkamp 2007. 185 S., 19,80 EUR
ISBN 3518584839

Post a Comment

Your email is never published nor shared. Required fields are marked *
*
*

Fatal error: Class 'OAuthSignatureMethod_HMAC_SHA1' not found in /www/htdocs/w009e203/ds/blog/wp-content/plugins/twitter-tools/twitteroauth.php on line 62