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Herrnhuter Sterne

Herrnhuter Stern

Advent, Ende der 1960er Jahre. Ein winterlicher Abend, die Musiktruhe spielt “Die Nacht ist vorgedrungen” von Jochen Klepper. Ein kleiner, quadratischer Tisch in der Zimmerecke. Darauf der Weihnachtsbaum mit seinen roten Kugeln.

Den großen Ausziehtisch schmückt ein Adventskranz mit dicken weißen Kerzen. An der Decke ein vielzackiger Papierstern, dessen Inneres in einem warmen Glühen leuchtet. “Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr.”

Der Winter ist die wirkliche Jahreszeit des Pietismus. Seine Winterlichkeit ist die eindrücklichste Erinnerung an meine Kindheit. In der Rückschau ist die christliche Religion für mich immer mit dem Winter verbunden. Unser Herr ist im Winter geboren, lobet den Herrn. Unser Herr ist das Geschenk Gottes an die Menschheit, deshalb beschenken sich die Menschen zum Weihnachtsfest gegenseitig. Deshalb spenden wir mit Freuden den Armen, die selbst nichts haben.

In meiner Vorstellung gehörten Maria, Josef und Jesus selbst zu diesen Armen. Ich malte mir damals aus, wie Jesus frierend in seiner Wiege lag. Das die Weihnachtsgeschichte in einer warmen Gegend spielt, kam mir gar nicht zu Bewußtsein. Es erstaunt mich noch heute; ich kann mir das Christentum nur als winterlichen Glauben vorstellen, als eine Religion der weiß bedeckten Berge, der verschneiten Dörfer und gefrorenen Teiche.

Pietismus wärmt von Innen. Von außen ist er schlicht, beinahe ärmlich. Er besitzt nur streng wirkende Gotteshäuser mit kahlen Wänden; unscheinbare Versammlungsräume, die erst durch die Gläubigen zu sakralen Orten werden. Mit glänzenden Augen und rötlich schimmernden Gesichtern beten sie gemeinsam an diesem schmucklosen Ort. Wahre Gläubige sind erfüllt vom Herrn, er wirkt durch sie und redet aus ihnen.

Nach Pfingsten fiel der Pietismus jedes Mal von mir ab wie eine nutzlose Haut. Ich war kaum noch in den Kindergottesdienst zu bewegen, der Wald wurde zu meinen Spielplatz. Wir waren ein Dutzend Kinder und trafen uns auf der Straße, auf dem Weg zum Badeteich oder zur Baumbude, von der aus wir Jungs heimlich die Knutschereien der Älteren beobachteten und überlegten, wie wir wohl an ihre Stelle treten könnten.

Es ist wenig geblieben vom Pietismus meiner Kindheit, keine Religion, nichts Sakrales. Vielleicht mein Hang zu karg gestalteten Möbeln mit geraden Linien. Vielleicht meine Skepsis bei allzu großer Begeisterung für eine Sache. Christliche Feiertage registriere ich kaum noch. An dem alljährlichen, bereits kurz nach den Sommerferien beginnenden Xmas-Overkill sehe ich vorbei.

Vom Pietismus meiner Kindheit ist nur der einfache, ungefärbte, mit einer Glühbirne erleuchtete Herrnhuter Stern aus Papier geblieben. Er hängt im Flur; eine ferne Erinnerung an den Winterglauben, und eine papierne Waffe gegen den Weihnachtskitsch.

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