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Angemessener Realismus

Es gibt diesen sozialen Realismus, der unendlich bemüht wirkt; ein bisschen wie die frühe Lindenstraße oder ein gesellschaftskritisch angehauchter Tatort oder wie der Soziokrimi der 1970er Jahre, in dem der Plot im Schleim der Anbiederung untergeht. Gut gemeint, aber nicht gut gemacht.

Es gibt da draußen eine Menge brennender, gesellschaftlich wichtiger Themen, aus denen sich Autoren bedienen können. Es ist nicht verboten, dies zu tun, aber es ist verboten, dabei gesellschaftskritischen Kitsch zu schreiben.

Es gibt Autoren, bei denen die Aufforderung “Erzähle, was du kennst” zu versponnener Literatenliteratur führt. Das sind Bücher, in denen die Hauptfigur ein Literat mit literaturwissenschaftlichem Studium ist, der ein Buch schreibt, das von einem Literaten mit Schreibhemmung handelt. Und in einer Bibliothek spielt.

Es gibt Autorinnen, die alle Klippen elegant umschiffen, zum Beispiel Annette Pehnt: Ihre letzten beiden Bücher sind gut geschriebene Erzählungen mit glaubwürdigen Protagonisten, die ihre eigene Stimme haben. Es sind keine ausufernde Epen, sondern konzentrierte Romanminiaturen mit wenigen Akteuren und ohne Nebenhandlung.

Ob es um die Pflegebedürftigkeit der Eltern geht oder um einen gemobbten Ehemann, Anette Pehnt beherrscht etwas, was Literaturkritiker gewöhnlich als Erzählökonomie bezeichnen. In den beiden Büchern steht kein Wort zu viel und kein Wort zu wenig. Wir erleben die Protagonisten in karg und beiläufig erzählten Alltagssituationen, die nach und nach ein deutlich gezeichnetes Bild ihres Lebens ergeben.

Der Erzählstil ist nicht so sehr durch Lakonik geprägt, sondern durch die Verweigerung des Geredes; durch eine verzweifelt wirkende Wortlosigkeit. Wenn die beiden Hauptfiguren im “Haus der Schildkröten” ihre Affäre stumm beginnen und stumm beenden; wenn der Ehemann aus “Mobbing” das Gespräch über seine Erfahrungen verweigert — dann entsteht der Eindruck einer ungeheuren, überwältigenden Anspannung in ihrem Leben.

Es gibt jetzt diesen angemessenen Realismus von Anette Pehnt, der weder gut gemeint noch konstruiert wirkt.

Annette Pehnt, Haus der Schildkröten
Piper 2006. 183 Seiten, 16,90 EUR
ISBN 3492049389
Annette Pehnt, Mobbing
Piper 2007. 160 Seiten, 16,90 EUR
ISBN 3492050700

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