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Horrorshow

Der 15jährige Alex hat sich längst vom spießig-ängstlichen Leben seiner Eltern abgekoppelt. Er robottet nicht, sondern sluscht zur Anregung stundenlang horrorshow Musik von Beethoven, Bach und Händel. Abends räkelt er sich mit seinen Droogs in einer Bar. Dort quoritschen sie ein wenig im Nadsat-Slang und starten Aktionen, die nach ihrem Geschmack sind: Ein wenig Ultrabrutale, das horrorshow Reinraus-Spiel mit ein paar Petietzen, ein paar zufällig daher kommende Fecks tollschocken, bis der rote Vino spritzt.

Alex kann von diesem Leben nicht genug bekommen – er braucht mehr; mehr Deng für noch mehr Drogen und vor allem mehr Ultrabrutale und Geteuse, mehr Reinraus und Tollschock, mehr Macht und Gewalt über Menschen. Die Droogs wollen den auch gegen sie brutal vorgehenden Alex loswerden und verraten ihn an die Polizei. Da bei seiner letzten Aktion eine Frau stirbt, wird er zu 14 Jahren Haft verurteilt.

Die Regierung hat angesichts der explodierenden Verbrechensrate Angst, die nächsten Wahlen zu verlieren und propagiert deshalb ein kostengünstiges System der Gehirnwäsche, mit dem Delinquenten in einer Aversionstherapie umgedreht werden. Die erfolgreich behandelten Exkriminellen befällt bei jedem Gedanken an Gewalt eine quälende Übelkeit, so dass sie in Zukunft gar nicht anders können, als sich wie gesetzestreue Bürger zu verhalten.

Alex meldet sich freiwillig zu diesem Programm, um nach zwei Jahren bereits aus dem Gefängnis zu kommen. Die Aversionstherapie besteht aus einer Kombination von Drogen und dem erzwungenen Anschauen extrem brutaler Filmszenen, bei denen die Augenlider mit Gewalt offen gehalten werden. Diese Aversionsfolter hat den gewünschten Erfolg: Alex wird zu einem Verbrecher, dem der Gedanke an Verbrechen unaussprechliche Qualen verschafft; ein willenloses Subjekt, das sich lieber zusammenschlagen lässt.

So ist der Täter nun ein Opfer. Dadurch wird er zum Spielball der Opposition, die seinen Selbstmord in Kauf nimmt, um Skandal zu machen und die Regierung zu stürzen. Doch er überlebt und nach einem Deal mit der Regierung bekommt er sein altes Leben zurück. Aber es hat seinen Reiz für Alex verloren; am Ende des Buches macht er sich auf, etwas Neues zu beginnen.

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Der Roman von Anthony Burgess (1962) und der darauf basierende Film von Stanley Kubrik (1971) sind Parabeln von Gewalt, Moral und freiem Willen: In einer nicht mehr fernen Zukunft ist die Gesellschaft vollkommen zerbrochen. In vielen Gegenden gehen die Menschen nachts vor Angst nicht mehr auf die Straße, doch auch in den eigenen vier Wänden sind sie vor den marodierenden Jugendbanden nicht sicher. Der Staat kümmert sich nicht um diese Probleme; als Ablenkung werden großtechnische (und billige) Scheinlösungen propagiert – zum Beispiel die pharmakologisch-psychologische Reprogrammierung von Straftätern.

Roman und Film waren bei ihrem Erscheinen umstritten und wurden heftig diskutiert. Beide sind sehr bekannt geworden und haben ein intensives Eigenleben entwickelt. Der Film hat das Buch noch verstärkt; die Rezeption dieser Geschichte hat sich vollkommen verselbständigt. In gewisser Weise enthält sie bereits ihre eigene Rezeptionsgeschichte – Skins, Hooligans und andere gromkige Maltschicks verehren den Film kultisch.

Alex zelebriert seinen spleenig zusammengewürfelten Kulturmix aus Beethoven und Gewalt mit lässiger Hipness — Kubrik inszeniert Gewalt mit der lässigen Hipness eines postmodernen Tanztheaters. Ein fieser Kontrast aus Uptempo-Hochkulturmusik, Zeitraffung, Zeitdehnung und Schlächtereien machte den Film für viele Zuschauer zu einer unerträglichen Erfahrung; vor allem, weil sich “Clockwork Orange” kaum von den Ereignissen distanziert.

Deshalb ist er oft als eine Feier der Gewalt missverstanden worden. Doch die Handlung deutet eher eine Passion an, mit der Gehirnwäscheverdrahtung als Dornenkrone. (Nebenbei: Auch filmsprachliche Distanzierung bleibt gerne unverstanden, wie Gus van Sant bei seiner grandiosen Columbine-Paraphrase “Elephant” lernen musste. Kaum ein Rezensent hat die Inszenierung in Egoshooter/Pacman-Manier verstanden.)

Das Buch ist wesentlich distanzierter, da Burgess hier mit einem starken Verfremdungseffekt arbeitet: Die intensive Benutzung der Kunstsprache “Nadsat”, ein vom ehemaligen Lehrer Burgess entwickelter, stark stilisierter und cool wirkender Teenager-Slang. Der Kunstgriff mit der Abweichung vom normalen Sprachgebrauch erlaubt es Burgess, das Geschehen ausschließlich aus der subjektiven und absolut moralfreien Sicht von Alex zu erzählen.

Trotzdem dominiert diese Perspektive nicht das gesamte Buch. Mehr noch: Die nicht leicht zu entschlüsselnde Sprache zwingt zum langsamen, genauen Lesen und dadurch zum Nachdenken über den Sinn des Gelesenen. Es ist (zumindest beim ersten Lesen) kaum möglich, das Buch “einzusaugen” und sich von der Gewalt gefangen nehmen zu lassen.

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Die Kernfrage des Buches ist mindestens zweitausend Jahre alt und betrifft den freien Willen des Menschen: Was ist sittlich geboten? Den Menschen zum Guten zu zwingen oder Gefahr gehen, dass er das Böse wählt? Aurelius Augustinus propagiert um 300 eine Sicht der Dinge, die von der unveränderlichen Bösartigkeit der Menschheit ausgeht – nur die Gnade des einen Gottes kann uns erlösen.

Für beinahe eineinhalb Jahrtausende bestimmt die Lehre von der Erbsünde den Alltag. Erst die Philosophie der Aufklärung macht deutlich, dass der Mensch nicht von Geburt an festgelegt ist, sondern sich in jede beliebige Richtung entwickeln kann und entwicklungsfähig ist. Er kann sich gegen das Böse entscheiden — und dafür.

Doch die Technologie der Moderne mischt die Karten völlig neu. Burgess ging von einer Möglichkeit der behavioristischen Umprogrammierung des Gehirns aus — die Pervertierung der Idee von der Bildbarkeit des Menschen. Der richtig konfigurierte Bürger meidet alles Böse, da es in einem bedingten Reflex Qualen auslöst. Er muss nicht einmal über Moral nachdenken, sie ist ihm eingeschrieben.

Heute ist eher eine Art genetischer Gnadenwahl in greifbare Nähe gerückt: Nur dasjenige Kind darf zur Welt kommen, in dessen Genen das sozial verantwortliche Wohlverhalten fest verdrahtet ist. Eine Dystopie, der gegenüber die Welten von Orwell, Huxley und Burgess wie ein Paradiesgarten wirken. War 1984 noch Widerstand möglich, so kommt der gen-optimierte Homunkulus ganz ohne das Bewusstsein seiner sittlichen Kontingenz auf die Welt. Er verhält sich wie erwartet. Er kann nicht anders entscheiden. Er ist, wie er ist. Er wird nicht erlöst.

Anthony Burgess: Die Uhrwerk-Orange.
Klett-Cotta 1999. 222 S., EUR 19,-
ISBN 3608935193
Uhrwerk Orange (A Clockwork Orange)
Buch, Regie und Produktion: Stanley Kubrick
Großbritannien 1971.
DVD: SZ-Cinemathek ASIN B0007TFJ9Q

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